Torfing, Jacob (1999); „New Theories of Discourse. Laclau, Mouffe and Žižek“

Jacob Torfing geht in seinem ausführlichen Werk zu drei Klassikern der Diskurstheorie vorderhand auf Ernesto Laclau’s und Chantal Mouffe’s diskurstheoretische Herangehensweise ein. Slavoj Žižek wird “nur” insofern behandelt, als er einen – weiter unten näher erwähnten – wesentlichen Einfluss auf die Ausgestaltung derer Ansichten von Diskurs hatte. Unsere Motivation, sich mit Laclau/Mouffe zu beschäftigen stützt sich auf die oftmalige Erwähnung ihrer Überlegungen in jeglicher Literatur bzgl. der Akteursebene von/in Diskursen.

Torfing beginnt seine Ausführungen mit einer Einführung in die intellektuellen Entwicklungen rund um die ideengeschichtlichen Grundlagen und Inspirationen für Laclau/Mouffe. Im Dunstkreis der gesellschaftspolitischen Entwicklungen des Jahres 1968 kam es zu einer verstärkten theoretischen Beschäftigung mit der Beziehung zwischen Macht und Wissen; Studenten hatten sich in Allianzen mit der arbeitenden Bevölkerung versucht, es kam zu einer zunehmenden Umformung des marxistischen Gedankenkomplexes und zu einem steigenden Interesse an Art und Weise der Konstruktion und Transformation von Identität.

Viele erhofften sich von Althusser’s Structural Marxism einen neuen Rahmen für die Analyse moderner kapitalistischer Gesellschaften. Die Vorteile sollten liegen in:

         „Insistence upon the overdetermined character of social relations and political struggles which were capable of condensing a multitude of different meanings into symbolic unities with real effects on social, cultural and political life“[1].

         Fokus auf Ideologie und ideologische Staatsapparate

         Dezentrierung des Subjekts

         Einbeziehung von Gramsci’s Hegemonie-Konzept (um die Interpenetration von Staat und Wirtschaft zu verstehen)

Die Haupt-Unzulänglichkeit, die sich allerdings – so nicht nur die Argumentation Torfings, sondern auch des damalige Mainstreams – daraus ergab, war:

         Ein Unterlaufen des Anti-Essentialismus durch Kritik an Gramsci’s Absolute Historicism und das unbedingte Beibehalten Klassen-bezogener ideologischer Elemente und ökonomischer Determiniertheit.

Dementsprechend sollten sich bald konsequentere und in ihrem Gesamtkonzept konsistentere Ansätze durchsetzen und in diese Lücke eindringen.

1986 zum Beispiel fügt Diane Macdonell in einem einzigen Band namens „Theories of Discourse“[2] die Überlegungen Althussers, Pêcheuxs, Hinders’, Hirsts und Foucaults zusammen. Dieses Werk verkörpert den neuen, eigenständigeren Weg der Beschäftigung mit Diskurs perfekt.

Diskurstheorie untersucht grundsätzlich, wie soziale Identitäten historisch konstruiert werden; und zwar als Differenzen in einem System rein negativer Beziehungen. Saussure’s Konzept von Signifikat und Signifikant in einem abgeschlossenen System drückte diesen Überlegungen seinen Stempel auf. Soziale Identitäten werden als Konstrukt eines Beziehungssystems einer spezifischen Sprache gedeutet.

Doch kommt es auch bald zum Bruch mit diesem Konzept und dem damit einhergehenden Strukturalismus; es setzt sich die Annahme durch, dass es keinen homogenen und generellen Diskurs geben kann, sondern nur eine Reihe verschiedener Diskurse, die gemeinsam eine Diskursformation bilden.

Torfing selbst arbeitet mit Laclau/Mouffe in folgender „Variation“: er versucht sich an einer Kombination von Post-Strukturalismus und Post-Marxismus, kombiniert mit Komponenten von Lacan’s Subjekttheorie. Denn, der diesbezüglich entscheidende Impuls für Laclau/Mouffe kam – wie oben bereits angedeutet – von Slavoj Žižek, einem Anhänger Lacans. Žižek kombiniert Lacan’s psychoanalytisch geprägte Theorie mit einer anti-essentialistischen Rezeption Hegels (und anderer klassischer Philosophen).

Es kommt also zu einer zunehmenden Erschütterung traditioneller marxistischer Denklinien (vor allem jener der strukturellen Determinierung). Post-Marxisten und Neo-Gramscianer konzentrierten sich auf „the construction of social and political identity. […] The idea of a fully constituted and self-enclosed subject had now been abandoned.“[3]. Logische Folge schien für viele die Konzentration auf psychoanalytische Ansätze von Freud und Lacan (symbolische Signifikation durch multi-dimensionalen und fragmentierten Charakter des Subjekts) zu sein.

Ein zentraler Punkt, an dem Laclau/Mouffe konkret auf das Subjekt/Individuum eingehen, ist in weiterer Folge die Annahme, dass politische Gemeinschaft (begründet auf pluraler Demokratie) Platz für Individualität schafft.

Das Jahr 1968, der Fall des Kommunismus und die Krise des Wohlfahrtsstaates erwiesen sich als politische Antriebskraft für die Weiterentwicklung der Diskurstheorie. Gegenwärtige, wie zukünftige Entwicklungen, wie das Aufkommen des Fundamentalismus, das Wiedererstarken von Nationalismus und Rassismus, etc. trugen ihren Teil dazu bei. Wie eng verbunden Praxis und theoretische Überlegungen in Torfing’s Skizzierung zusammenhängen, zeigt sich in dessen Charakterisierung der diskurstheoretischen Herangehensweise als „radically anti-essentialist […]. Hence, the discourse theory of Laclau and Mouffe denies the possibility of self-enclosed particularist identities posessing uncontaminated moral values.“[4].

Torfing unterstreicht – zum Ende seiner einleitenden Ausführungen –, dass eine Analyse nicht am Subjekt selbst ansetzten kann, sondern dass dieses selbst in einem “undecidable discursive terrain”[5] konstruiert wird (durch “unmasterable power strategies”[6]).

Im nächsten von uns betrachteten Teil von Torfing’s Schrift beschäftigt sich der Autor definitiv mit den relevanten theoretischen Konzepten, die im Fokus seiner Betrachtung stehen.

Laclau/Mouffe organisieren ihre Überlegungen rund um drei grundlegende Komponenten:

  1. Diskurs
  2. Hegemonie
  3. Sozialantagonismus

Es gilt an dieser Stelle, die zentralen Begriffe einzuordnen, zumindest andeutungsweise zu erläutern und miteinander in Beziehung zu setzen.

Für den Begriff Struktur gilt hier(!) folgendes: diese findet Ausdruck in den Aktionen individueller Akteure, ist aber nicht auf diese zu reduzieren. „A structure describes the general properties (rules, norms and procedures) of a social, cultural or political system.“[7] Dementsprechend ist Struktur also erklärende Variable. Struktur wirkt durch vorschreibende Verhaltensnormen und spezifische Ressourcenallokation.

 

Diskurs ist gleichfalls eine erklärende Variable, denn “social interaction can only be explained in relation to its discursive context”[8]. Dennoch bewegt sich die Erklärungskraft auf einer niedrigeren Ebene als jene der Struktur; denn Diskurs “informs rather than guides social interaction [… und beeinflusst] cognitive scripts, categories and rationalities”[9].

Politik bleibt ganz einfach die Entscheidung zugunsten einer der vorliegenden Optionen, in Rücksicht auf eine vorgegebene Hierarchie von Präferenzen.

Hegemonie beschreibt quasi nichts anderes als Politik, nur inkludiert dieses Konzept die Konstruktion von Identität (und Werten und Glauben). Identität ist nicht der Ausgangspunkt von Politik, aber „rather something that is constructed, maintained or transformed in and through political struggles“[10].

 

Sozialantagonismus erläutert/erklärt die konstituierende Rolle von Konflikten, bzw. der Gegenüberstellung von Freund-Feind für hegemoniale Diskurse.

           

            Diskurs

Kognition und Sprechakt bekommen erst in einem bestimmten bereits etablierten Diskurs eine Bedeutung. Diskurstheorie besteht auf der Historizität und Variabilität von Diskurs. Die transzendentalen Bedingungen werden also stetig von empirischen Events verändert. Außerdem geht Diskurstheorie nicht mehr von der idealistischen Konzeption des Subjekts als „Gestalter der Welt“ aus, sondern berücksichtigt die Struktur.

Der Schluss, den man daraus ziehen muss, sieht nach Torfing folgendermaßen aus: „[…] our cognitions and speech-acts only become meaningful within certain pre-established discourses, which have different structurations that change over time.“[11]

 

Diskurs ist ein Ensemble signifizierender Sequenzen, in dem Bedeutung stetig neu verhandelt wird. Nach Derrida’s Dekonstruktion des Konzepts einer diskursiven Struktur rund um ein – diese Struktur konstituierendes – Zentrum, „the process of signification within the structure extends infinitely“[12]. Eine auf ein Zentrum hinauslaufende Struktur wird hinfällig. Somit geht auch die Geschlossenheit des diskursiven Systems – durch das Ausschließen externer Einflüsse durch das Zentrum (Totalisierung) – verloren.

Man nimmt das Feld der Signifikation (eine rein temporäre Ordnung!) an als „established by a multiplicity of mutually substituting centres“[13]. Das Außen ist dabei schon allein deswegen konstituierend, weil die Struktur sich über die Abgrenzung zu ihm definiert.

Ein anderer Einfluss, der auf die hier ausgeführte Diskussion einwirkt ist jener Saussures, dessen Beschäftigungen auf die linguistischen Beziehungen zwischen Begriffen, zwischen Sprache und Schrift abzielen. Für ihn ist Diskurs ganz einfach nur „a linguistic sequence that is more extended than a single sentence“[14].

Für Laclau und Mouffe sind non-discursive complexes, wie politische Intervention, Technologie, produktive Organisation, etc., discursive articulations, und eben nicht konstituiert von einer objektiven Notwendigkeit (Gott, Natur, o.ä.).

Auch Foucault konzentrierte sich auf non-discursive conditions[15], wie politische Ereignisse, ökonomische Phänomene, institutionelle Veränderungen, etc.; die Beziehung zwischen diesen und den Diskursen sei „neither one of determination nor one of expression“[16]. Der Autor einer der bekanntesten diskurstheoretischen Untersuchungen[17] geht also weder davon aus, dass diese Bedingungen auf die Akteure wirken, die dementsprechend ihre Aussagen verändern, noch, dass den veränderten Bedingungen neue Konzepte, Ideen, o.ä. vorausgehen.

Als Solches bleibt dem Diskurs eine gewisse Autonomie und Spezifität, ohne sich durch Idealismus oder historische Unabhängigkeit auszuzeichnen.

Erst Foucault’s späterer Schritt weg von archäologischer, hin zur genealogischen Herangehensweise bringt ihn in die Nähe von Laclau/Mouffe.

Für Laclau weisen konkrete Diskurse – konstruiert in einem spezifischen diskursiven Rahmen – spezifische Möglichkeitsbedingungen auf, die wiederum selbst diskursiv sind. Gemeinsam mit Mouffe (genauso wie der spätere Foucault) unterscheiden sie zwischen Diskurs und  Diskursivem; den Unterschied macht der Grad von Stabilität bzw. Fixiertheit. „A partial fixation of meaning rests upon precise conditions of possibility, and that its disruption might result from the reactivation of that which the initial fixation necessarily excluded.”[18]

 

Torfing betont, dass die Argumentation einer diskursiven Produktion von Objekten keinesfalls deren reale Existenz außerhalb der Gedankenwelt in Frage stellt.[19]

Dem Diskurs darf allerdings nie seine Ko-Existenz mit dem Sozialen abgesprochen werden; er darf nicht bloß auf semantische oder pragmatische Aspekte reduziert werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich Laclau/Mouffe bei der Analyse eines konkreten Diskurses auf drei grundsätzliche Faktoren stützen:

  1. Beziehungen zwischen Differenz und Gleichheit (Äquivalenz); bezogen auf Sprache, Wörter, etc..
  2. Die Auswirkungen verschiedener Arten von Überdeterminierung; hierbei dreht es sich um Psychoanalyse, Metaphern, Symbolik, etc..
  3. Der (ver)einende Effekt von Knotenpunkten; als Knotenpunkte gelten jene Punkte, an denen Bedeutung – im Verlaufe der diskursiven Versuche, das diskursive Feld zu dominieren, – zumindest temporär und partiell fixiert wird.

Hegemonie

„The construction of a hegemonic discourse ist the result of articulation.”[20] Artikulation ist die Etablierung von Beziehungen zwischen Elementen, um deren Identität als Resultat der artikulierenden Praxis zu modifizieren. All das passiert im Konfliktfeld von force and repression.

„We can define hegemony as the expansion of a discourse, or a set of discourses, into a dominant horizon of social orientation and action by means of articulating unfixed elements into partially fixed moments in a context crisscrossed by antagonistic forces.”[21]

 

Das “Spiel” mit Bedeutung in einem Diskurs bietet die Möglichkeit hegemonialer Artikulation. Diskurs ist dann wiederum die Konsequenz hegemonialer Praktiken von Artikulation.

Also: das Konzept Hegemonie ist verantwortlich für „a decidable level of discourse“[22] (anstatt eines „undecidable level of non-totalizable openness“[23]).

Um das nicht ganz einfach nachvollziehbare Konzept Hegemonie besser verstehen zu können, bietet Torfing dem Leser eine Genealogie eben dessen an:

Laclau/Mouffe versuchten in den 80ern vorderhand – im theoretischen Rahmen des Marxismus-Diskurses – die ökonomische Logik der Notwendigkeit durch eine politische Logik der Möglichkeit zu ersetzen. Der Marxismus gründet ja auf der dialektischen Entwicklung der Kräfte und Beziehungen von Produktion; dieses Konzept sahen Laclau/Mouffe in der Krise. Allerdings unterminierte das Konzept Hegemonie die Idee von struktureller Notwendigkeit, die für die Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften verantwortlich zeichnet.

In Westeuropa stürzte die historische Entwicklung die marxistische Theorie in die Krise. Es kam zu drei intellektuellen Reaktionen:

  1. Etablierung einer marxistischen Orthodoxie; die Rolle der Intellektuellen – und deren Beschäftigung mit marxistischer Theorie – wurde als besonders wichtig für eine Stärkung der Rolle der Arbeiterklasse hervor gestrichen; Kautsky zum Beispiel nahm an, dass die wachsende Fragmentierung – Charakteristikum des modernen organisierten Kapitalismus – ohnehin durch Änderungen in der Infrastruktur überwunden würden.
  2. Bernstein’s Revisionismus hingegen rief nach einer autonomen politischen Intervention, um der kapitalistischen Fragmentierung entgegen zu wirken. Er sah die sozialdemokratische Partei als dafür geeignetes Instrumentarium; politische Aktion wurde also die primäre Funktion zur Erreichung dieses Zieles zugewiesen (nicht mehr bloß die Rolle eines Nebenproduktes!). Bernstein nahm einen der Gesellschaft impliziten „ethischen Impuls“ an. Damit bricht er natürlich mit Prinzipien wie ökonomischer Determiniertheit. Das Postulieren eines transzendentalen ethischen Subjekts und der Glaube an einen umkehrbaren Prozess ethischer Evolution „rule out the development of a theory of hegemonic articulation“[24]; denn: wenn der Sinn und Zweck von politischer Mobilisierung schon a priori fixiert ist, bleibt kein Raum für Artikulation (Hegemonie).

Luxemburg – Bernstein’s Erzfeindin – vertraute auf die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution als Resultat der Einheit der Arbeiterklasse. Diese symbolische Einheit kommt von der Überdeterminiertheit jeglicher politischer Mobilisierung gegen das kapitalistische System. Der Klassencharakter bleibt in diesem Fall also erhalten; es kommt zu einer unvermeidlichen Konfrontation zwischen Bourgeoisie und Proletariat. „The result of this theoretical regress is a zero-sum game, according to which the logics of necessity and contingency prevent each others’ expansion.”[25]

  1. Die radikalste Antwort gab allerdings Sorel’s Radikaler Syndikalismus: Sorel verneint sowohl ein begründendes rationales Substrat von Gesellschaft, auf das der Prozess sozialer Einigung zurückgeführt werden könne, als auch eine ethische Evolution in Richtung höherer Niveaus von Menschlichkeit. Klassen-Einheit ist bei Sorel politisch konstituiert. Massenstreik erfüllt seine Funktion als Mythos, „that provides a point of condensation of working class unity”[26]. Es besteht also ein mythisch konstruierter kollektiver Wille. Sorel akzeptiert nicht – und hier setzt die Kritik Laclaus an –, dass die Artikulation von Aufgabe und Akteur durch und in Politik geschieht.

Die Beschäftigung russischer Marxisten, wie Axelrod, Plekhanov, Lenin und Trotzky mit der Problematik, wie man eine politische Allianz zur Erreichung einer sozialen Revolution in feudalistischen und kapitalistischen Gesellschaften schmieden könne, brachte diese zur Erweiterung des Konzepts der contingency (Möglichkeit); daraus entwickelte sich das Konzept der Hegemonie. Hegemonie war also zu aller erst ein strategischer Begriff, der mit der Verlagerung „normaler Entwicklung“ in Verbindung stand. In Westeuropa ging es um die Veränderung des Levels, auf dem die Arbeiterklasse ihre Einheit erreichen konnte.

In der Leninistischen Tradition verstand man unter Hegemonie die politische Führerschaft der Arbeiterklasse innerhalb einer breiten Allianz von Klassen. Trotzky deklarierte ungleiche Entwicklung als die historische (Vor)bedingung unserer Zeit. „And in this situation hegemony becomes the main political principle for social recomposition.”[27] Alles in allem standen also separate Identitäten in einer Allianz, zusammengehalten von der taktischen Manipulation durch die Führerschaft.

Gramsci ersetzte diese reichlich autoritäre Konzeption von Hegemonie durch eine demokratischere, „embracing political as well as moral-intellectual leadership“[28]. Hegemonie also viel mehr als Prozess der Produktion von kollektiver Identität, denn als Allianz prä-konstituierter Identitäten. Es geht dabei um die stetige Artikulation sozialer Kräfte und politischer Anliegen (die Relevanz von Ideologie, Symbolen und Mythen inkludierend); so oder so: die Artikulation kollektiven Willens passiert auf einer Ebene demokratischer Politik.

Laclau/Mouffe gehen darauf aufbauend einen Schritt weiter: für sie ist Hegemonie „an articulatory practice instituting nodal points that partially fix the meaning of the social in an organized system of differences. […] The discursive system articulated by a hegemonic project is delimited by specific political frontiers resulting from the expansion of chains of equivalence.“[29]

 

 

An dieser Stelle wird Torfing’s Beschäftigung mit social antagonism nicht in die vorliegenden Ausführungen miteinbezogen, da sich die Relevanz für die Beantwortung unserer Forschungsfragen mehr als nur in Grenzen hält. Während die Klärung des Laclau/Mouffeschen Verständnis von Diskurs und Hegemonie noch zentral ist/war, da die uns bzgl. unserer methodischen Herangehensweise zur Verfügung stehende Literatur immer wieder darauf zurückgreift und verweist, spielt Sozialantagonismus in diesem Gedankengebäude nur eine Rolle in Bezug auf die konstituierende Rolle von Konflikten für hegemoniale Diskurse, und steht somit unserem Grundinteresse nach den (infra)strukturellen Hintergründen der Akteure eines Diskurses diametral entgegen.

Somit werden Torfing’s Überlegungen für uns – da wir uns ja nach wie vor auf der Suche nach der Rolle des Subjekts befinden – erst wieder mit dem structure-agency-couplet relevant.

Agency nimmt ganz einfach ein intentionalistisch agierendes Subjekt (wobei an dieser Stelle noch irrelevant ist, inwieweit das Subjekt wirklich Kontrolle über seine Handlungen hat) an; es geht also – um im marxistischen Vokabular zu verbleiben – um die Verbindungen zwischen Struktur und Handlung(sfähigkeit). Wobei letzteres eben ganz einfach nur zielgerichtetes Handeln meint.

Struktur definiert Torfing hier als „the complex and relatively enduring relationships that define the basic properties of the system and permit its continued reproduction“[30]. Im Gegensatz zu sozialen Systemen, vermissen Strukturen jegliche soziale Handlungsfähigkeit. Die Superstruktur wiederum ist determiniert durch seine ökonomische Basis.

Wie gehen spätere marxistische Denker mit der Struktur/Handlungsfähigkeit-Problematik um? Wie sieht bei ihnen das Problem des strukturellen Determinismus aus? Wie kommen sie darum herum, ohne in Richtung freier Wille abzugleiten? Im Großen und Ganzen lassen sich drei diesbezügliche Ansätze ausmachen:

  1. Der Monismus von Althusser und Cohen: Bei Althusser dominiert die Struktur die soziale Handlungsfähigkeit total (monistische Beziehung; Anm.). „The economic, political and ideological instances, or levels, are articulated into a mode of production.“[31] Artikulation und Effekte der Formen von Produktion werden determiniert von der ökonomischen Struktur; genauso wie die verschobene Dominanz zwischen den Ebenen Struktur und Handlungsfähigkeit. Konflikte innerhalb sozialer Formationen sind gekennzeichnet durch Überdeterminiertheit. Struktur existiert nur in ihren Effekten. „Social agents […] are reduced to mere bearers of the structure.“[32] Auch wenn Althusser immer wieder versucht, einer totalen Determinierung durch die (ökonomische) Struktur auszuweichen, läuft seine Argumentaton doch immer wieder darauf hinaus.

Cohen setzt bei Althusser an, schwingt sich jedoch auf zu einer Verteidigung von Marx’ historischem Materialismus, und zwar auf Basis einer verbesserten Version „funktionaler Erklärung“. Er führt aus, dass die Bezugnahme auf die Effekte eines Phänomens zu dessen Erklärung beiträgt. Nur so könne man Marxismus konsequent weiterverfolgen. Cohen meint so erklären zu können, warum an bestimmten Punkten der Geschichte bestimmte Produktionsbeziehungen auftauchen.

Alles in allem bleibt die primäre Rolle struktureller Determinierung, „as the long-term outcome of class struggles is always determined by the dialectic of forces and relations of production“[33]. Die politische Dimension von Gesellschaft als solches ist also nicht primär.

  1. Elster’s Dualismus: Elster glaubt nicht an die Anwendbarkeit funktioneller Erklärung in den Sozialwissenschaften. Er geht nur von einem weak functionalism aus, „which asserts that institutions, or behavioural patterns, may have consequences that are beneficial for some dominant economic or political structure, even though the benefits are unintended and unacknowledged by the beneficiaries”[34]. Funktionalismus nichts desto trotz deswegen, weil eine Referenz aufrecht erhalten wird, um die Funktionalität des Phänomens daran zu messen (Feedbackschleife). Elster identifiziert drei Ebenen von Erklärung:

o       sozioökonomische Zwänge determinieren Handlungsmöglichkeiten, und somit Bedürfnisse, Präferenzen und Einstellungen (sub-intentional).

o       Intentionalität des individuellen Handelns nur insofern, als das der Akteur seinen Bedürfnissen, Präferenzen und Einstellungen auch wirklich folgt.

o       Supra-Intentionalität: individuelle Handlungen vereint in aggregate outcomes, die entweder intendiert sind, oder nicht, oder eine Kombination von beidem.

Allein die Einführung der Spieltheorie – abzielend auf eine Interdependenz von Entscheidungen – unterstreicht die Annahme, dass die Handlungen von Individuen innerhalb einer Gesellschaft nicht ausschließlich von Struktur determiniert sind; dementsprechend lässt sich ein Bruch mit dem strukturellen Marxismus eines Althussers feststellen.

Bei Elster bleibt also zumindest eine kleine Lücke für individuelle Entscheidungen/Wahlmöglichkeit. Dort wo strukturelle Determiniertheit endet, beginnt intentionale Erklärung. Die Erklärung von Phänomenen auf Ebene der Struktur einerseits, und auf Ebene der Handlungsfähigkeit andererseits ergänzt sich hier also; dementsprechend ist es eine dualistische Konzeption structure/agency.

  1. Giddens’ duale Struktur: Giddens vermisst bei Elster die Einsicht, dass Struktur Handlung nicht nur eingrenzt, sondern sie auch noch auslöst. Dennoch impliziert diese doppelte Präsenz von Struktur keine absolute Determinierung. Ganz im Gegenteil: für Giddens ist Wahlmöglichkeit sogar ein definierendes Moment sozialer Handlungsfähigkeit. Diese kann intervenieren, und so der Struktur etwas entgegen oder zumindest gegenüber stellen. Giddens warnt vor einer Reduzierung sozialer Systeme auf dessen Struktur. Struktur ist bei ihm „defined in terms of the structural properties that are recursively implicated in the reproduction of various praxis-forms within social systems“[35]. Die Analyse von Struktur dreht sich bei Giddens also um Regeln und Ressourcen, die soziale Praxis in Raum und Zeit verankert. Soziale Akteure beziehen ihre Handlungen stetig auf anderer Handlungen und die (soziale) Umwelt in der sie stattfinden. In diesem Zusammenhang sind die Akteure meist in der Lage, rational und zielgerichtet über deren Handlungen zu entscheiden. Über allem steht ein klar definiertes Ziel, wobei einschränkend angemerkt werden muss: „The reasons for actions can be more or less explicit, and the motives for actions can be more or less conscious.“[36]

Um einem Motiv entsprechend handeln zu können, benötigt der Akteur ein Minimum an Wissen über sein soziales Umfeld, welches diskursiv formuliert werden kann. Durch dieses Wissen können sie der determinierenden Kraft der Struktur widerstehen. Zu einem gewissen Maße be- bzw. erhalten die Akteure somit eine manipulative Kontrolle über die Struktur. „Nevertheless, this control is always limited by the unacknowledged conditions and unintended consequences of social action.“[37] Struktur ist also sowohl medium, als auch outcome sozialer Handlung(sfähigkeit). Es eröffnet sich uns dementsprechend weder ein Monismus, noch ein Dualismus, sondern eine Dualität von Struktur.

Alle vier, Althusser, Cohen, Elster und Giddens, haben also versucht, den marxistischen Theoriekomplex auf ihre Art und Weise zu rekonstruieren. Alle vier teilen den Glauben an die Möglichkeit struktureller Determinierung. Alle vier verstehen Struktur als ein durchgehend konstituiertes, objektives Ganzes mit einer ganzen Reihe berechenbarer Effekte.

Doch genau darin scheint laut Torfing der Fehler begraben zu liegen; nimmt man strukturelle Determinierung als Grundprinzip an, gibt es nur zwei Möglichkeiten, analytisch an die Sache heranzugehen. Entweder man versucht – wie Althusser und Cohen – herauszufinden, wie diese strukturelle Determinierung funktioniert und Handlungsfähigkeit als Effekt nach sich zieht. Oder „one can, like Elster and Giddens, construct sophisticated arguments about how social agency either escapes (Elster) or resists (Giddens) structural determination”[38].

 

Torfing zeigt sich also unzufrieden mit den zur Verfügung stehenden Ansätzen, und sucht weiter nach einer geeigneten Annahme, die der Struktur ihre determinierende Kapazität entzieht. Er sieht ein, dass es nicht ausreicht, das Konzept Struktur ganz einfach als diskursiv zu betrachten, um es durch die Abwesenheit eines fixierten Zentrums zu öffnen. Es bliebe nach wie vor eine gewisse Determinierung, da diskursive Strukturen das Subjekt mit „a complete and unquestionable guide for how to understand itself, the world and the appropriate forms of social and political action”[39] versorgen würde. Ein diskursiver Charakter der Struktur löst das Problem der strukturellen Determinierung also keinesfalls.

Laclau’s diesbezüglicher Ansatz hingegen zielt auf ein ganz anderes, diese Determinierungskapazität unterlaufendes Moment ab: die Dislokation (dislocation). Dieses Phänomen zeichnet sich durch Permanenz aus, und „continuously prevents the full structuration of the structure“[40]. Es geht dabei um ein Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen, die vom Repräsentations- oder Symbolsystem der diskursiven Struktur nicht erfasst wird/werden kann. Die Annahme dieses Konzepts impliziert die Unmöglichkeit struktureller Determinierung. Folglich kann auch (soziale) Handlungsfähigkeit nicht mehr als strukturell determinierte Position des Subjekts gesehen werden.

Was überbleibt – und so fällt auch Torfing’s Schluss daraus aus – ist einfach nur eine gewisse Einschränkung der Möglichkeiten: „In sum, structural and institutional conditions, together with the given distribution of resources, impose important limits on the possible.”[41] Also eine Einschränkung, aber keine Determinierung.

In den letzten beiden Teilen des vorliegenden Werkes wendet Torfing die an- und ausgeführten theoretischen Ansätze auf konkrete Diskurse (Nationalism and Racism, Mass Media und Modern Welfare State) an und macht sich Gedanken über konkrete politische Perspektiven der modernen Diskurstheorie. Dementsprechend endet an dieser Stelle unsere Beschäftigung mit Torfing; die relevanten diskursanalytischen Überlegungen, genauso wie die zentralen gesellschaftstheoretischen Grundlagen der so oft zitierten Laclau und Mouffe wurden überblicksmäßig auf die Forschungsrelevanz bzgl. unseres Projektes hin studiert und sollten uns somit einen Schritt weiterbringen in der Auswahl und Ausformung unserer methodischen und theoretischen Herangehensweise.


[1] Torfing, Jacob; S. 2

[2] Macdonell, Diane; Theories of Discourse: an Introduction; Blackwell Publishers; Ofxford: Basil, 1986

[3] Torfing, Jacob; S. 4

[4] Torfing, Jacob; S. 6

[5] Torfing, Jacob; S. 8

[6] Torfing, Jacob; S. 8

[7] Torfing, Jacob; S. 81

[8] Torfing, Jacob; S. 81

[9] Torfing, Jacob; S. 82

[10] Torfing, Jacob; S. 82

[11] Torfing, Jacob, S. 84 f.

[12] Torfing, Jacob; S. 85

[13] Torfing, Jacob; S. 86

[14] Torfing, Jacob; S. 88

[15] vgl.: Torfing, Jacob; S. 90

[16] Torfing, Jacob; S. 91

[17] Foucault, Michel; The Archaeology of Knowledge; Tavistock; London, 1985 [1969]

[18] Torfing, Jacob; S. 93

[19] Vereinfachtes Beispiel: Ein Stein bleibt ein Stein, aber kann diskursiv als Wurfgeschoss, als ästhetisches Objekt, etc. konstruiert werden.

[20] Torfing, Jacob; S. 101

[21] Torfing, Jacob; S. 101

[22] Torfing, Jacob; S. 102

[23] Torfing, Jacob; S. 102

[24] Torfing, Jacob; S. 105

[25] Torfing, Jacob; S. 106

[26] Torfing, Jacob; S. 107

[27] Torfing, Jacob; S. 108

[28] Torfing, Jacob; S. 108

[29] Torfing, Jacob; S. 109

[30] Torfing, Jacob; S. 137

[31] Torfing, Jacob; S. 141

[32] Torfing, Jacob; S. 141

[33] Torfing, Jacob; S. 143