Dünne, Jörg (2006); „Politisch-geographische Räume“

In den sechs klassischen Raum-Texten von Ratzel, Braudel, Schmitt, Arendt sowie Deleuze/Guattari die auf dieser Homepage zusammengefasst veröffentlicht wurden, wird das schon einmal behandelte Thema der Verhältnisse zwischen sozialen und physischen Räumen noch einmal aufgegriffen und um die spezielle Perspektive politischer Relationen erweitert. Wobei die Bezugsgröße „politische Relation“ nicht allein auf die Kategorie Staat zu reduzieren ist.

Im Spannungsfeld zwischen Politik und Geographie geht es zum einen um die Frage wie politische Institutionen in geographischen Räumen verortet werden und zum anderen durch welche räumliche Rahmenbedingungen sie sich überhaupt erst konstituierbar machen.[1]

Besonders zentral – und das betrifft vor allem auch spezielle Erkenntnisinteressen unseres Forschungsprojektes – ist die Frage „inwiefern der Ursprung politischen Handelns seit der Antike mit der Einnahme eines Territoriums verknüpft ist […]“[2].

Bis in die 1980er Jahre blieben im deutschen Sprachraum wissenschaftliche Auseinandersetzungen rund um die Begrifflichkeit „Geopolitik“ weitgehend tabu. Das hat natürlich einen allgemein bekannten realen, fatalistischen Hintergrund. Wobei jedoch anthropologische Überlegungen über den Einfluss naturräumlicher Bedingungen auf individuelles bzw. kollektives Handeln eine lange Tradition (Montesquieu; Herder; Rousseau) haben. Die Ablösung menschlichen Handelns von naturräumlichen Vorgaben schafften die Diskussionsgrundlagen für die Frage wie politische Handlungsdimensionen aus geographischen Bedingungen abgeleitet werden können. Und dies war natürlich die verheerende Grundlage der nationalsozialistischen Expansionspolitik die ihre historisch folgenreichste Antwort auf obige Fragestellung gab. Daraus ergab sich die Tabuisierung, die erst durch die Einführung von (post)marxistischen Ansätzen (vor allem durch Yves Lacoste oder der angelsächsischen Spielform der „critical geopolitics“) überwunden werden konnte.

Der heute zu Recht negativ konnotierte und damalig explizit rasse-geprägte Diskurs „Geopolitik“ ist aber prinzipiell von seinem begrifflichen Vorgänger „Politische Geographie“ zu unterscheiden.

Sein Begründer und Hauptvertreter Friedrich Ratzel orientiert sich zwar ebenfalls an einer organizistischen Konzeption des Staates als ein Lebewesen, verweigert sich aber gegen die Instrumentalisierung seiner Theorie, demnach es räumliche „Gesetze“ staatlichen Wachstums gibt, die auf rassischer Überlegenheit begründet sein soll. Stattdessen bauen Ratzels „Gesetzmäßigkeiten“ auf der Dynamisierung von natürlichen Vorgaben auf, die sich Beispielsweise durch Verkehrswege oder Medientechniken ausdrücken und thematisieren lassen. Ratzel benennt die Dynamisierung von geographischen Bedingungen in Abgrenzung von „Raum“ als „Lagen“. „Erst die Lage verschafft einem bestimmten (bei Ratzel als Staat gedacht) Raum in Bezug auf benachbarte Räume eine Relationalität, die nicht in reiner Quantifizierung aufgeht“[3].

Die Beschränkung auf naturräumliche Gegebenheiten brachte Ratzel in späterer Folge – wohl auch zu Recht – den Vorwurf ein, sein Denken sei von geographischem Determinismus geprägt.

Die nachfolgenden Arbeiten auf diesem Gebiet konzentrierten sich nun fieberhaft darauf das Verhältnis von Historiographie und Geographie jenseits einer Vereinnahmung durch letzteres zu entdeterminieren. Vorreiter auf diesem Gebiet war Lucien Febvre, einer der zentralen Vertreter der französischen Annales-Schule, der sich vehement gegen diese Form des geographischen Determinismus zur Wehr setzte. Jedoch blieb es seinem Schüler Fernand Braudel vorbehalten durch seine Studien zum Mittelmeer diesen Determinismus, weniger polemisierend und wissenschaftliche Durchdrungen, auflösen zu können.

Bei Braudel bleibt das Mittelmeer als geographischer Raum zwar Ausgangspunkt seiner Analysen aber es gelingt ihm die Verbindung zwischen deterministischer Artikulation naturräumlicher Gegebenheiten und staatlichen Handeln als Suggestion von Naturgesetzlichkeiten aufzulösen.[4] „Geographischer Raum ist nicht als statischer, sondern als relationaler und somit auch selbst veränderbarer Ermöglichungsrahmen einer politischen und ökonomischen Praxis zu verstehen, die nicht an eine organizistische Vorstellung vom Staat gebunden ist, sondern die territoriale Bindung staatlicher Politik ihrerseits auf einen transnationalen Rahmen von Handelsbeziehungen hin überschreitet“[5].

Carl Schmitt versucht in seinen Schriften ebenfalls einen Kontext zwischen Raum und der politischen Organisationsform des Staates herzustellen. Jedoch baut Schmitt nicht auf geographischen Traditionen auf sondern bedient sich seiner „eigenen“ Disziplin der rechts- und staatstheoretischen Ansätze. Bei Schmitt darf man jedoch nicht vergessen, dass seine Ansätze eine explizite Nähe zum Nationalsozialismus und dessen diskursgeprägten Begriff „Geopolitik“ aufweisen. Somit muss bei der Wiederaufnahme dieses tabuisierten theoretischen Gebietes, die persönliche Rolle von Schmitt und seinen Ansätze immer äußerst kritisch betrachtet und hinterfragt werden. Fairer weise ist aber anzumerken, dass Schmitt nicht mit vagen Organismus-Analogien operierte sondern ein „genealogisch-rechtsphilosophisches Ursprungsdenken“ in Bezug auf die Ausdeutung des Raumes anwendete.

Für Schmitt kommt dem Raum die Funktion eines „Urgrunds“ politischen Handelns überhaupt zu, auf dem und innerhalb dessen sich alle weiteren politischen Interaktionen und territorial raumgreifende nationale Strategien abspielen. Erst durch die Perzeption des räumlichen ergibt sich die Möglichkeit eine positive Rechtsordnung zu begründen. „Schmitts Hauptaugenmerk bei seinem ´territorialen´ Verständnis staatlicher Ordnung ist dabei die Abgrenzung nach außen, d. h. die Etablierung einer kontrollierten Freund-Feind-Beziehung, wie dies für ihn exemplarisch seit der frühen Neuzeit das europäische Völkerrecht schafft“[6].

Diese Sichtweise funktioniert nur auf politische Kosten „weniger geordneter“ Gesellschaften beziehungsweise rechtsfreie Räume, deren Existenz bzw. Existenzrecht dadurch völlig negiert wird. Insofern ergab sich nicht nur eine zweifelhafte Legitimität der nationalsozialistischen Expansionspolitik aufkosten anders gelagerter und rechts geordneter Staaten und Gesellschaften, sondern darüber hinaus ist damit auch eine eurozentristische Sicht enger Prägung konzipiert worden. Aber spätestens seit Ende des Ersten Weltkrieges ist dies schmitt´sche Sichtweise ohnehin ad absurdum geführt worden.

Nichtsdestotrotz haben manche Aspekte der Überlegungen von Schmitt wieder Aktualität erlangt. Gerade in den gegenwärtigen Diskursen über die Fragen zur Ent-Territorialisierung von Staaten, werden die Ansätze Schmitts von konservativen Denkern wieder ins Rennen geführt, um (post-)moderne Theorien zu entkräften.

Während sich Schmitt in seiner Freund-Feind-Konzeption vor allem auf die Ränder und Ausschlusszonen eines Staates und gemeinhin einer Gesellschaft konzentriert, interessiert sich Hannah Arendt für den Kern politischen Handelns. In ihrer Untersuchung der Konstitution der attischen Demokratie und der dort herrschenden „strikten Unterscheidung zwischen der auf Gleichheit basierenden politischen Öffentlichkeit der polis und dem privaten Leben des oikos […]“, geht es Arendt um den Versuch einer Beschreiung des systematischen Kerns des Politischen aus seiner Genealogie heraus. Arendt „leitet […] die Entstehung des Politischen aber nicht aus einer territorialen Abgrenzung staatlicher Macht nach außen her [ab], […] sondern aus einer inneren, nicht genuin territorialen Unterscheidung, die den Ort des demokratischen Handelns als Befreiung von physischen Zwängen in demselben Raum konstituiert, in dem sich auch das alltägliche Leben abspielt. […] Vor diesem Hintergrund lässt sich die von Arendt analysierte ´Erfindung´demokratischer Gleichheit auch raumtheoretisch anders als ein in seiner elitären Reinheit zu verteidigender Freiraum beschreiben […]“[7].

Gilles Deleuze und Félix Guattari wählen in der Frage nach der Verbindung zwischen Politik und Geographie – entgegen der bisher vorgestellten Autoren – einen gänzlich anderen Ansatz.

In ihrer Konzeption der „Geophilosophie“ wird Räumlichkeit von der Materialität des geographischen Bodens vollständig gelöst. In Abgrenzung zur schmitt´schen Raumnahme verstehen Deleuze/Guattari den besonderen Raummomento gerade in der Nichtsesshaftigkeit sowie die darin erkennbaren Bewegungen im Raum. Wobei das „deterritorialisierte“ als das „Glatte“ und das „reterritorialisierte“, sesshafte als das „Gekerbte“ zu verstehen ist. Als anschauliches Beispiel par excellence dient den Beiden die Ära der Seeerkundung: Portugisische Seefahrer kerben das Meer und überziehen es während ihrer Entdeckungsfahrten, z.B. entlang der Küste vor Afrika, mit ornamenthaften Linien, die als symbolischer Ausdruck mit einer „Landnahme“ gleichzusetzen sind. „In ihrer Verkoppelung von Topologie des Glatten bzw. des Gekerbten und topographischer Geschichte der Seefahrt lösen Deleuze und Guattari den Raum von seinem materiellen Substrat, ohne ihn gleichzeitig in bloßer Spiritualität aufgehen zu lassen. […] Im Zuge einer geophilosophischen Dynamik wird die territoriale Basis klassischer staatlicher Politik überschritten, ohne jedoch einfach in einem differenzlosen Raum der Globalisierung aufzugehen […]. […] Politisches Handeln und geographische Raumkonstitutionen durchdringen sich auch gerade in der Gegenwart, womit die Spielräume wie auch die Gefahren geopolitischer Vereinnahmungen nicht geringer werden, sich aber die Orte, an denen sich Raum und Politik artikulieren, unaufhörlich verschieben“[8].



[1] Vgl. Dünne, Jörg (2006): Politisch-geographische Räume. Einleitung. In: Dünne, Jörg / Günzel, Stephan (Hg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp: Frankfurt/Main, S. 371.

[2] Ebenda, S. 371

[3] Ebenda, S. 375

[4] Vgl. ebenda, S. 375

[5] Ebenda, S. 376

[6] Ebenda, S. 377

[7] Ebenda, S. 380 f.

[8] Ebenda, S. 383 f.

  • Auf die problematische Distinguiertheit Schmitts in Bezug auf seine enge Affinität zum Nationalsozialismus sowie seiner fatalistischen Nähe zum negativ konnotierten Begriff „Geopolitik“ wurde in einem anderen Artikel schon hingewi