Dünne, Jörg (2006); „Soziale Räume“

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wird die Raumbetrachtung zunehmend zu einer Frage der Ausdifferenzierung des Zusammenhangs von sozialer Ordnung und Raum. Der Geograph Friedrich Ratzel sucht nach kausalen Verbindungen zwischen Staatsentwicklungen und physikalischen Territorien. Emil Durkheim geht 1897 noch einen Schritt weiter. Sozial Räume sind „soziale Morphologien“, die sich in ihrem räumlichen Substrat von sozialer Organisation nicht so einfach als unveränderliche physische Räume definieren lassen. Stattdessen ist die Räumlichkeit des Sozialen, so Durkheim, dasjenige, was die Struktur sozialer Formen zur Sichtbarkeit (her)vorbringt und daher eine soziale Raumbeschreibungsperspektive eröffnet, die sich progressive vom geographisch determinierten Substrat der territorialen Betrachtung abzulösen beginnt.

Im 20. Jahrhundert tritt diese Veränderung der Raumbetrachtung immer stärker in den Vordergrund. Die perzeptive Trennung zwischen sozialen und geographischen Raum wird noch dadurch erweitert, dass die Konstruktion von Räumen individualisiert wurde. Somit werden individuelle und soziale Handlungen bzw. in weiterer Folge gesellschaftliche Prozesse zu den zentralen Postulaten, wenn es um die Konstruktion und Ausdifferenzierung von Raum geht. Das führte auch dazu, dass sich die vormals reine physische Geographie in viele Teilaspekte aufspaltete, wobei die Sozial- bzw. Humangeographie per se den Sozialwissenschaften fortan näher steht als der rein territorial durchdrungenen Geographie. Insofern gilt Raum ab diesem historischen Schnittpunkt nicht länger als etwas naturräumlich Gegebenes, sondern wird „gemacht“.

Georg Simmel ist 1903 einer der Ersten, der in Anschluss (auch noch mit inhaltlichen Affinitäten) an Durkheim einen „weiter reichenden Anspruch auf sozialwissenschaftliche Kompetenz in Raumfragen erhebt“[1]. Im vorliegenden Text, der auch von uns bearbeitet wurde, versuchte Simmel eine typologische Skizzierung und Beschreibung von sozialen Raumformen, die sowohl die mikro- als auch die makrosoziologische Palette von sozialen Raumperzeptionen umfasste. Simmel erteilte der Newton`schen Vorstellung eines präexistierenden Raumbehälters (die „Leere“) – der erst noch mit Objekten im Raum zu füllen ist – eine klare Absage, räumt jedoch darüber hinaus sein, dass es dennoch so etwas wie einen Naturraum geben muss: Dort nämlich, wo eine Art der Nicht-Existenz des Sozialen vorherrschend ist – unbewohnbare Gebiete (z.B. ewiges Eis). „Es geht Simmel nicht nur darum, dass sich verschiedene Gesellschaftsformen unterschiedlich im Raum manifestieren, sondern […] um die historische Veränderung von Raumwahrnehmung schlechthin: Erst soziale Organisation schafft nach Simmel eine als solche wahrnehmbare Raumorganisation.“[2]

Simmels Arbeiten zum Raum können für den Beginn des „Zeitalters des Raumes“ kaum hoch genug eingeschätzt werden, dennoch blieb es Michel Foucault vorbehalten zu dem zentralen Vordenker für eine Renaissance des Raumdenkens zu werden: nämlich auch für das „moderne“ Verständnis von sozialer Räumlichkeit. Sui generis ist der Raum im Foucault`schen Denken ein dahinter liegendes per se vorausgehendes. „So ist das historische Apriori, das in seiner Diskursarchäologie nicht explizit als Wahrnehmungsform, sondern als diskursive Ordnung gedacht wird, de facto immer schon auf einer räumlichen (wie auch zeitlichen) Grundlage zu verstehen. Nach Foucault konstituiert sich eine soziale Wissensordnung generell topologisch durch die Ausgrenzung eines – historisch veränderlichen – Anderen, d.h. durch etwas, das zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht diskursivierbar ist und damit zum ’Außen des Denkens’ wird“[3]. Im vorliegenden von uns behandelten Text geht Foucault 1967 in „einem scheinbar marginalen Vortrag“ genauer auf sein Raumdenken ein. Das Bemerkenswerteste ist dort weniger die Arbeit mit der Begrifflichkeit Raum und die abstrakt topologische Beantwortung der Frage nach der räumlichen Struktur von Ordnung, sondern vielmehr „skizziert Foucault in seinem Vortrag […] auch eine kurze Geschichte des sozialen Raums, die die jeweilige Funktion heterotoper Orte in ihrem historischen Kontext erst verständlich macht und darüber hinaus auf einer Meta-Ebene auch die Unterscheidung von Ansätzen des Raumdenkens erlaubt.“[4]

In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich eine Theorie der räumlichen „Praxis“, die sich aus dem Substrat der marxschen Theoriebildung hervorbringen konnte und die soziale Konstitution von Raum konkreter beschreibbar machte. Die Affinität (jedoch sehr emanzipiert) zur marxistischen Theoriebildung begründet sich vor allem in der spezifischen Tradition der Begriffsverwendung von „Praxis“. Henri Lefebvre ist neben David Harvey und Edward Soja einer der zentralen neomarxistischen Vordenker der Sozialgeographie geworden. „Lefebvres Grundgedanke, den er in einer eigenwilligen Konfrontation von marxistischen Traditionsbestand mit den neuesten nichtmarxistischen Theorietrends in Frankreich als ständiges work in progress entwickelt hat, besteht darin, Raum teilweise aus der Tradition marxistischen Denkens zu lösen. Lefebvre begreift Raum nicht nur als Teil der Produktionsmittel, z.B. als Rohstofflieferant, und somit der ökonomischen Infrastruktur zugehörig, sondern gleichzeitig auch als Produkt einer sozialen Praxis.“[5]

Michel de Certeau wiederum hat seinen Erkenntnisschwerpunkt zwar ebenfalls auf die Untersuchung des praktischen Alltagslebens gerichtet, jedoch kommt Certeau ohne marxistische Vorannahmen aus und begründet seine Untersuchung auf semiotische Grundlagen, die wiederum weniger den Strukturalismus als vielmehr der „Ordinary Language Philosophy“[6] verpflichtet ist. Insofern ist Certeau der Theorie des Performativen zuzurechnen und seine Raumperzeptionen sind eng verknüpft mit dem räumlichen Modell gesellschaftlicher Ordnung von Foucault. „Auf Lefebvres dreistellige Konzeption der Räumlichkeit in ihrer gleichsam an die Kunst delegierten Hoffnung auf eine Überwindung der Widersprüche zwischen Alltags- und Planungsräumen antwortet Certeau mit einem zweistelligen Modell, das den Alltagspraktiken selbst eine keineswegs utopische, sondern faktische Funktion des Aufbrechens von Macht- und Wissensordnungen im Bereich des ‚normalen’ Lebens zuspricht.“[7] Wobei Certeau die alltäglichen Raumpraktiken als reinen Widerstand zu bestehenden Ordnungen auffasst und konstitutive Funktionen in Bezug auf räumliche Ordnung völlig unberücksichtigt lässt.

Pierre Bourdieu versucht nun wieder diesen Aspekt der Praxistheorie des Raumes zu berücksichtigen. Für Bourdieu begründet sich die – für ihn sehr wohl vorhandene – konstitutive Funktion seiner Theorie des sozialen Raumes zwischen den beiden Schlüsselbegriffen Habitus und Felder. „Er versteht den so genannten ‚Habitus’ als Brücke zwischen individuellen Handeln und sozialer Struktur, der individuelles Handeln nach kollektiven Regeln organisiert und ihm so eine gewisse beobachtbare und von anderen sozialen Handlungstypen unterscheidbare Konstanz verleiht. […] Zwar gibt es nach Bourdieu tatsächlich keine direkte Möglichkeit, den Habitus als gegen eine bestehende Ordnung gerichtet zu denken, dafür ist sein Ordnungsbegriff aber selbst schon relational, genauer: als unaufhörlicher Kampf um soziale Distinktion zu verstehen.“[8]

Die bemerkenswerte Leistung von Bourdieu besteht nun darin, dass seine Arbeiten Auswege aus dem permanenten Dualismus der Bindung zwischen Naturraum und Sozialraum eröffnen: nämlich hin zu einem sozialen Interaktionsraum, der sich „dynamisch aus den Beziehungen zwischen Akteuren und Gegenständen konstituiert“[9].


[1] Dünne, Jörg (2006): Soziale Räume. In: Dünne, Jörg / Günzel, Stephan (Hg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp: Frankfurt/Main, S 290

[2] a.a.O. S 291

[3] a.a.O. S 292

[4] a.a.O. S 293

[5] a.a.O. S 297

[6] a.a.O. S 299

[7] a.a.O. S 300

[8] a.a.O. S 301

[9] a.a.O. S 302