Harvey, David (1990); „Zeit und Raum im Projekt der Aufklärung“

David Harvey beginnt den vorliegenden Textteil mit dem Hinweis, dass er an das Konzept der „Verdichtung“ von Raum und Zeit anknüpft. Die Begrifflichkeit Verdichtung bezeichnet jene prozessuale geschichtliche Schnittpunkte, welche die „objektiven“ Eigenschaften von Raum und Zeit revolutioniert haben und darüber hinaus die menschliche Vorstellung von „unserer“ Welt radikal verändert haben. Verdichtung meint weithin erstens die Beschleunigung des Lebens und zweitens die damit einhergehende progressive Überwindung von räumlichen Schranken. Durch technischen Fortschritt (so z.B.: die Eisenbahn oder der Flugverkehr) und soziogeographische Globalisierung (z.B.: die Entwicklung neuer Kommunikationsmittel) scheint die Welt zu „implodieren“. In der Wahrnehmung des Menschen schrumpft die Umwelt und Raum und Zeit fallen immer enger zusammen. „In dem Maß, in dem der Raum […] zu schrumpfen scheint […] und sich die Zeithorizonte auf einen Punkt zusammenziehen, an dem nur mehr die Gegenwart existiert […], müssen wir lernen, mit dem überwältigenden Eindruck von Verdichtung unserer räumlichen und zeitlichen Welt umzugehen“[1].

Für Harvey ist diese Verdichtung nun für eine Vielzahl an kulturellen, politischen und sozialen Veränderungen und Reaktionen – die nicht nur herausfordernd, sondern auch belastend und verstörend für den „Menschen“ sein können – verantwortlich. Durch eine historische Betrachtung der europäischen „Verdichtungsentwicklung“ versucht Harvey das vorliegende Thema (sozusagen als Fallbeispiel) darzustellen. Harveys zentrales Anliegen ist es, den lange andauernden Prozess des Übergangs, der schlussendlich den Weg für das aufklärerische Denken über Raum und Zeit geebnet hat, darzustellen.

Den Ausgangspunkt der harvey´schen historischen Verdichtungszeitreise bildet die Betrachtung der „relativ isolierten Welten […] des europäischen Feudalismus“[2].

Die einzelnen Territorien (gemeint sind feudale Besitzflächen mit vagen Außengrenzen) weisen nach innen gerichtet eine Homogenität auf, die eine stark abgegrenzte rechtliche, politische und soziale Autonomie beobachten lässt, während hingegen der Raum außerhalb der einzelnen feudalen Herrschaftszonen nur sehr vage vorstellbar war. Der außenliegende Raum wurde als mysteriöse Kosmologie begriffen, der von allerhand mythologischen Gestalten, fremden Herrschern und himmlischen Heerscharen bevölkert war, während dem entgegen nach innen gerichtet  die Alltäglichkeit des Seins, somit weithin das Alltagsleben die Unendlichkeit und Unfassbarkeit der „dauernden Zeit“[3] bestimmte. D. h. nach innen orientiert finden wir das ordinäre – für den Menschen gemeinhin zu verstehende – Alltagsleben und nach außen gewand den Mythos einer früh-scholastischen Kosmologie.

Durch die fortschreitende Monetarisierung, dem Warenaustausch – zuerst zwischen Gemeinden, später jedoch in selbständiger kaufmännischer Form – und der Herausbildung einer profitorientierten Gesellschaft und dem damit einhergehendem Drang zur Erschließung des „Umlandes“ als potentielle neue Märkte, kam es zu einer progressiven, wenn auch langsamen, Veränderung und Umgestaltung der Sicht auf Raum und Zeit.

In der Renaissance – die von Entdeckungsfahrten und einem erstaunlichen Wissenszuwachs geprägt war – ist gegenüber der feudalen Ordnung schon ein klarer und radikal abweichender Zeit- und Raumbegriff zu beobachten. Nicht zuletzt war die Erkenntnis – was von zahlreichen Entdeckungsfahrten bewiesen wurde –, dass die Welt in Form der Erdkugel begrenzt und potentiell dem Wissen zugänglich war, eine bahnbrechende und notwendige Entdeckung. „Die Vorstellung eines unendlichen Raumes erlaubte es, den Globus als begrenzte Totalität zu begreifen, ohne zumindest theoretisch die unendliche Weisheit Gottes in Frage stellen zu müssen. […] Der Chronometer, der dem Zeitpfeil Maß und Stärke gab, wurde ebenso mit Gottes unendlicher Weisheit theoretisch versöhnt, indem die Zeit, analog zu den Eigenschaften des Raumes, als infinit definiert wurde. Diese Verknüpfung war von immenser Tragweite“[4]. Durch diese Erkenntnis wurde es möglich wissenschaftliche und vorgeblich „faktische“ Erfahrungen von Zeit und Raum von den mythologischen, christlich-religiös geprägten Konzepten zu unterscheiden und zu trennen. Diese Sichtweise stellte die materielle Basis „für Descartes´ Prinzipien von Rationalität bereit, die ein integraler Bestandteil des Projekts der Aufklärung werden sollte“[5].

Hierin kündigte sich ein neuer Zeitgeist an, der die herrschende – religiöse – räumliche und zeitliche Ordnung nachhaltig über den Haufen warf.

Durch die Möglichkeit bei der Darstellung der Erdkugel auf einer Fläche mathematische Methoden anwenden zu können, gelang es den Raum – obwohl unendlich – für die Zwecke menschlicher Ansiedlung und Tätigkeit, bezwingbar und beherrschbar zu machen. Das gilt sowohl für die praktische Auseinandersetzung mit dem Raum (Chorographie; Geographie) aber vielmehr und fast noch wichtiger für die gedankliche Auseinandersetzung und Perzeption mit dem Raum. „In einem solchen Kontext sollte dann die Revolution der Naturwissenschaften, beginnend mit Kopernikus über Galilei bis schließlich zu Newton […] stattfinden“[6].

Das Problem der Aufklärung – zumindest ist dies die heutige landläufige Sichtweise – war, dass das aufklärerische Denken innerhalb der Grenzen einer eher mechanischen Sicht (z.B.: Newton) des Universums operierte, in dem die vorausgesetzte Homogenität von Raum und Zeit das Denken und Handeln stark begrenzte. Absolutismen – wie der absolute Raum – waren vorherrschend und bestimmten ganz zentral die Perzeption von Raum und Zeit.

Aber gerade diese absoluten Konzeptionen und vor allem deren Zusammenbruch unter dem Druck der immer rascher voranschreitenden „Verdichtung“ von Raum und Zeit, waren das zentrale und immanent wichtige Momento für die, während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, entstehende Form der Moderne.

Von diesem historischen Punkt aus, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt hin zum Dilemma von Theorie, Repräsentation und Praxis für eine Interpretation der späten Wende zur Postmoderne. Jedoch bietet auch hier – so Harvey – dieses aufklärerische Zeit- und Raumverständnis interessante und aufschlussreiche Erklärungs- und Einsichtsansätze. „Durch die Betrachtung bestimmter idealisierter Konzepte des Raumes und der Zeit als „real“ laufen die Denker der Aufklärung in Gefahr, den freien Strom menschlicher Erfahrung und Praxis auf rationalistische Konfigurationen einzudämmen. In diesen Begriffen entdeckte Foucault die repressive Wende in der aufklärerischen Praxis in Richtung Überwachung und Kontrolle. Das gewährt einen Einblick in die „postmoderne“ Kritik der „totalisierenden Eigenschaften“ des aufklärerischen Denkens und der „Tyrannei“ der Zentralperspektive. Es wirft darüber hinaus ein Licht auf ein ständig wiederkehrendes Problem. Wenn die Gesellschaft rational geplant und kontrolliert werden soll, um gesellschaftliche Gleichheit und Wohlstand für alle zu befördern, wie können Produktion, Konsumtion und sozialer Austausch anders geplant und effizient organisiert werden als durch die Einführung einer reinen Abstraktion von Zeit und Raum, wie sie der Karte, der Uhr und dem Kalender zugrunde liegen?“[7]

Die Antwort auf diese Frage ist komplex und zugleich nach wie vor nicht wirklich gegeben. Aber es lassen sich Spuren einer Antwort finden. Jeder Versuch – wie in der Frage angedeutet – die politische Macht zu demokratisieren und zu verteilen machte und macht eine bestimmte  räumliche Strategie erforderlich. Dieses Axiom kann nun sowohl Positiv als auch Negativ ausgelegt bzw. instrumentalisiert werden. Es stellt somit zugleich die Möglichkeiten einer sozial-gerechten Raum-Politik als auch einer macht-missbrauchs Raum-Politik zur Verfügung. Der Kampf um die „Deutungshoheit“ ist daher ein allgegenwärtiger, gerade weil „keine Politik des Raumes unabhängig von sozialen Beziehungen ist.“[8]

Der von mir gerade beschriebene „Kampf“, als Spur einer Antwort auf obig gestellte Frage, wird von Harvey in einem prägnanten Satz auf den Punkt gebracht: „Die Reorganisation des Raumes zu demokratischen Zielen forderte die ortsgebundene dynastische Macht heraus.“[9]

Diese Auffassung galt für die Epoche der Aufklärung genauso wie sie heute in der Gegenwart  nach wie vor Gültigkeit besitzt. „[D]ie Unterminierung dieses Demokratisierungsprojekts durch die Macht von Geld und Kapital führte zum zunehmenden Warencharakter von Raum und zur Produktion von neuen, aber gleichermaßen oppressiven geographischen Systemen für die Erfassung von Macht (wie in den Vereinigten Staaten).“[10]

Harvey schaffte es – in diesem ausgesprochen spannenden und interessanten Textteil – die historische Entwicklung seines Verdichtungskonzeptes nachzuzeichnen und konnte darüber hinaus eindrucksvoll die immanenten und nach wie vor wirkungsvollen Einflüsse der aufklärerischen Raum- und Zeitidee auf unsere gegenwärtige (vielleicht) postmoderne – oder  aber möglicherweise auch 2. Moderne – Epoche nachweisen und aufzeigen.


[1] Harvey, David (1990): Zeit und Raum im Projekt der Aufklärung. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (1995): Macht – Wissen Geographie. 6. Jg., Heft 3, Verlag für Gesellschaftskritik: Wien, S. 345-365 (Dt. Erstveröffentlichung des Kapitels The Time and Space of Enlightenment Project, in: Harvey, David (1990): The Condition of Postmodernity. An Enquiry into the Origins of Cultural Change. Oxford u.a.; 240-259).

[2] Ebenda, S. 346

[3] Ebenda, S. 347

[4] Ebenda, S. 349 f.

[5] Ebenda, S. 350

[6] Ebenda, S. 352

[7] Ebenda, S. 359

[8] Ebenda, S. 362

[9] Ebenda, S. 363

[10] Ebenda, S. 364