Bachelard, Gaston (1957); „Poetik des Raumes“

Im vorliegenden Text beschäftigt sich Bachelard mit der „Topophilie“; d. h. mit der Analyse „des glücklichen Raumes“. Zentral Aspekt hierbei ist die Eruierung des menschlichen Wertes von Besitzräumen. Für Bachelard bedeutet dies den Raum, als erfahrbares Etwas, in all seinen empfindungsmäßigen Konsequenzen zu untersuchen. Somit sind die, von der Einbildungskraft, erfassten Räume keine indifferenten, für sich allein stehenden Räume die nur den geometrischen Maßeinheiten zuzurechnen sind, sondern erlebbare Ausgedehntheiten, die nicht nur in ihrer Positivität erlebt werden. Stattdessen werden Räume mit aller Parteinahme der Einbildungskraft perzipiert. Bachelard versucht nun die gefühlsmäßigen Zugänge zur räumlichen Vorstellung anhand von gedanklichen Bildern – die Ausdruck des menschlichen Raumvorstellens sind – zu analysieren. „Unaufhörlich imaginiert die Einbildungskraft und bereichert sich mit neuen Bildern. Diesen Reichtum imaginierten Seins wollen wir erforschen“[1].

Bachelard beginnt seine Analyse mit einem Vergleich: Räumliche Erinnerungsbilder werden im menschlichen Inneren als räumlich verdichtete Zeitpunkte abgespeichert, die gleich wie der Aufbau eines Hauses im Geiste Gestalt annehmen. Es gibt Keller, Speicher, Winkel usw., wo unsere Erinnerungen die Charakteristik von Zufluchtsorten annehmen. In der Psychoanalyse werden solche örtliche Verräumungen von Erinnerungsbildern und die Analyse derselben „Topos-Analyse“ genannt. „In seinen tausend Honigwaben speichert der Raum verdichtete Zeit. Dazu ist der Raum da“[2].

Zentral ist für Bachelard, dass eben solche (unsere) Erinnerungsräume – die wir in unserem geistigen „Haus“ untergebracht haben – eine zeitlose Konsistenz besitzen. D. h. sie wurden von der Zeit entkoppelt und fungieren dadurch als stets gegenwärtige Erinnerungen an gewisse Seins-Erfahrungen. Eine lineare Zeitlichkeitsentwicklung kann von der menschlichen äußeren Umwelt von – so Bachelard – Biographen nacherzählt und hergestellt werden. Jedoch sind unsere innersten verräumten Gedankenbilder allgegenwärtig und erfüllen den Zweck, dass darauf stets zurückgegriffen werden kann. Die Besinnung auf „vergangenes“ – auch und gerade weil es zeitlos ist – wirkt immer tröstend. Gerade weil wir – wie eingangs erwähnt – glückliche Erinnerungsräume in unserem „Haus“ verräumen. „[I]n der Erinnerung, die in der Träumerei wiedergefunden wird, ist die Dachstube, wer weiß durch welchen Synkretismus, klein und groß, warm und kühl, doch immer tröstend“[3].

Im weiteren Verlauf des vorliegenden Textes beschäftigt sich Bachelard mit der Dialektik des Draußen und des Drinnens. Für Bachelard ist die scharfe Trennung zwischen Drinnen und Draußen – gleich wie Ja und Nein – die Basis jeglicher metaphorischer gedanklicher Möglichkeit das Positive und Negative alles Seins zu erfassen. Diese dialektische Trennung beherrscht sämtliche räumliche Gedankenbilder des Menschen. Das gilt für Logiker, Philosophen, Metaphysiker oder auch ganz allgemein für den „Alltagsmenschen“ gleichermaßen. Zwar trifft man dadurch, je nach dem zu welcher Gruppe man sich zugehörig zählt, auf grundverschiedene Probleme – die an dieser Stelle nicht weiter wichtig sind – aber der Ausgangspunkt der Probleme bleibt das Gleiche – die vorangestellte ontologische dialektische Trennung eben dieser beiden Begriffe: „es geht um die Entfremdung, die auf diesen beiden Begriffen beruht. Was sich in ihrer formalen Opposition äußert, wird darüber hinaus Entfremdung und Feindlichkeit zwischen beiden“[4].

In weiterer Folge bietet Bachelard einige dialektisch-syntaktische Beispiele, um diese Anschauung zu verdeutlichen. Diese Beispiele sollen für diese inhaltliche Zusammenfassung von keiner weiteren Bedeutung sein. Jedoch bleibt der zentrale Ansatzpunkt von Bachelard zu erwähnen: Von immanenter und expliziter Bedeutung ist die Ablösung vom euklidisch betrachteten Raumverständnis. Erst die gedankliche Verabschiedung vom euklidischen Raumverständnis schafft die notwendige Annäherungsgrundlage, um Raum als agiles Element im dialektischem Kontext erfassen, erfahrbar und vor allem auch veranschaulich machen zu können. Bachelard verdeutlicht seine Überlegungen durch eine ausgesprochen plastische und interessante Herangehensweise: „Im Grunde gehören die Seins-Erfahrungen, die eine geometrische Ausdrucksweise rechtfertigen, zu den dürftigsten… […] So ist im Sein alles Umlauf […], alles ist Kehrreim endloser Strophen. […] Und welche Spirale ist das Sein des Menschen! […] Man weiß nicht gleich, ob man sich zum Mittelpunkt hin oder vom Mittelpunkt weg bewegt. […] So wie das spiralförmige Sein, das sich äußerlich so gut um seine Mitte geordnet darstellt, nie seinen Mittelpunkt erreichen. Das Sein des Menschen lässt sich nicht fixieren. Jeder Ausdruck hebt seine Fixierung auf. Im Reiche der Einbildungskraft gilt, daß das Sein, sobald ein Ausdruck vorgebracht ist, Bedürfnis nach einem andern Ausdruck hat, daß das Sein alsbald zum Sein eines andern Ausdrucks werden muß“[5].

Durch die Abkehr von der geometrischen Anschauung der Dialektik des Drinnen und des Draußen befreit man sich gegenüber jeder definitiven Anschauung. Und gerade die Geometrie verzeichnet definitive Anschauungen. Und genau aufgrund dieses „Befreiungsschlages“ nannte Bachelard den vorliegenden Text die „Poetik des Raumes“. Die Poetik – und weithin die Arbeit von Dichtern – ist mit der Befreiung aus definitiven Anschauungen der Geometrie gleichzusetzen. Ich strapaziere Bachelard nur ungern, aber folgendes – etwas zu langes – Zitat veranschaulicht seinen Ansatz ganz hervorragend. „Wir müssen frei bleiben gegenüber jeder definitiven Anschauung [intuition] […], wenn wir den Kühnheiten der Dichter folgen wollen, die uns zugespitzte Innerlichkeitserlebnisse, „Fluchten“ der Einbildungskraft bieten. […] Die Opposition zwischen dem Konkreten und dem Weiträumigen ist nicht im Gleichgewicht. Bei der geringsten Berührung erscheint die Asymmetrie. Und so ist es immer: Das Drinnen und das Draußen empfangen die Bewertungen, die unser Verhaftetsein mit den Dingen bestimmen, nicht in gleicher Weise. Man kann nicht in der gleichen Weise die Bewertungen erleben, die an das Drinnen und die an das Draußen geknüpft werden. Alles, auch die Größe, ist ein menschlicher Wert, und wir haben gezeigt, daß sogar die Miniatur Größe zu speichern vermag. Sie ist auf ihre Art weiträumig. Jedenfalls können das Drinnen und das Draußen, wenn sie in der Phantasie erlebt sind, nicht mehr einfach als reziprok angesehen werden. Indem wir künftig nicht mehr über Geometrie reden, um die ersten Ausdrücke des Seins zu sagen, indem wir konkretere, phänomenologisch genauere Ausgangspunkte wählen, werden wir Klarheit darüber bekommen, dass die Dialektik des Drinnen und des Draußen sich in unzähligen Nuancen vervielfältigt und abwandelt“[6].

Durch diese „Möglichkeitsausdehnung“ an Seinszuständen wird die Ausdrucksmöglichkeit von Erfahrbarkeit nicht nur ungemein erweitert, sondern darüber hinaus die Logik des räumlichen Seins – wie sie im Wiener-Fin-de-Siecle begründet wurde (Wittgenstein und Konsorten) – durchaus über den Haufen geworfen. Es gibt nicht mehr nur jenes oder dieses, nicht mehr nur die offene oder die geschlossene Tür, sondern auch Zwischenmöglichkeiten eines Seinszustandes. Und die Poetik einer solchen Betrachtung eröffnet uns das Fenster dazu, um solche „Zwischenmöglichkeiten“ des Seins sehen zu können. „Aus der dichterischen Sprache laufen Wellen von Neuheit über die Oberfläche des Seins. Und die Sprache trägt in sich die Dialektik des Geschlossenen und des Offenen. Durch die Bedeutung schließt sie sich, durch den dichterischen Ausdruck öffnet sie sich. […] Der Mensch ist das halboffenstehende Sein“.[7]


[1] Bachelard, Gaston (1957): Poetik des Raumes. In: Dünne, Jörg / Günzel, Stephan (Hg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp: Frankfurt/Main, S. 167.

[2] Ebenda, S. 167

[3] Ebenda, S. 169

[4] Ebenda, S. 171

[5] Ebenda, S. 172 f.

[6] Ebenda, S. 174

[7] Ebenda, S. 175