Nonhoff, Martin; „Diskurs“

Nonhoff leitet seinen Text ein, wie offensichtlich alle Autoren ihre Texte einleiten, die den Diskurs als Untersuchungsgegenstand aufgreifen. Er streicht die Hochkonjunktur der Begrifflichkeit innerhalb der Sozialwissenschaften heraus, betont dabei aber, dass es nach wie vor ein relativ vernachlässigtes Thema innerhalb der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung geblieben ist. Das trifft insbesondere dann zu, wenn man die Fortschritte in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. der Sprachwissenschaft oder der Ethnologie als Vergleich heranzieht.

Gleich zu Beginn seiner Auseinandersetzung mit vorliegendem Thema trifft er eine grundlegende Begriffsunterscheidung. Er trennt den Diskursbegriff auf in eine Diskurstheorie normativer Prägung einerseits und einen Diskursbegriff analytischer Prägung andererseits. Im Verlauf der Lektüre seines Textes hat sich diese begriffliche Aufspaltung als durchaus gelungen und nachvollziehbar erwiesen. 

Als prominenten Vertreter und exemplarisches Beispiel griff Nonhoff Jürgen Habermas zur Verdeutlichung der normativen Prägung des Diskursbegriffes heraus. In wenigen, gut zusammengestellten Paraphrasen skizziert Nonhoff was Habermas grundlegend als Diskurs versteht: „Diskurs [ist] eine voraussetzungsreiche, rationale Art der Kommunikation, in die man freiwillig eintritt, um strittige Aspekte von Behauptungen […] frei von konkretem Handlungsdruck mit dem Ziel eines intersubjektiven Konsenses zu thematisieren und ihre Gültigkeit im Zuge rationaler Argumentation zu klären“[1]. Hierin verdeutlicht sich auch schon, dass als „Wahr“ und „Richtig“ dasjenige verstanden wird, das im Zuge eines intersubjektiven Konsens erreicht werden kann. Das Interesse Habermas orientiert sich daher grundlegend an der Frage wie politisches Handeln frei von Vorurteilen legitimiert werden kann. In dem Sinne dient Habermas der Diskurs „nur“ als Mittel zum Zweck, um dieser „Objektivierungsfrage“ nachgehen zu können. Warum gerade der Diskurs als adäquates Mittel von Habermas herangezogen wird, liegt in dessen Funktion als Verfahren einer unparteilichen Urteilsbildung begraben. Demnach umfasst diese „Funktion“ oder – wie Nonhoff es nennt – Bedingung die „Chancengleichheit bei der Kommunikationsbeteiligung und die Irrelevanz von diskursexterner Machtbeziehungen“[2]. Insofern kommt nach Habermas dem Diskurs in der Politik die „wesentliche Aufgabe zu, die Erzeugung allgemein verbindlicher, sowohl legitimer als auch vernünftiger Normen zu ermöglichen und so Rationalisierung von Gesellschaften zu befördern“[3]. Wiewohl es sich dabei um die Lösung von gesellschaftlichen Problemen auf der Grundlage systemimmanenter politischer „Sets“ an institutionalisierter Rechte und Verfahren, aber auch um die grundlegende Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritt und menschlicher Emanzipation durch kommunikative Rationalität handelt, verdeutlicht den ausgesprochen stark, normativ aufgeladenen Charakter dieses haberma´schen (normativen) Diskursverständnisses.

 

An das normative Diskursverständnis anschließend, fokussiert sich der Text von Nonhoff auf den Aspekt der analytischen Diskurswissenschaft. Eingangs betont er den differenzierten begrifflichen Zugang: „Diskurse sind damit zum einen […] sprachliche Gebilde, die über einen Satz hinausgehen; aber zum anderen werden im Begriff des Diskurses […] die Situiertheit eines sprachlichen Gebildes in seinem jeweiligen Produktionskontext und die aus eben dieser Text-Kontext-Beziehung resultierende Produktion von Sinn und Bedeutung mitgedacht“[4]. Aufbauend auf diesem Grundverständnis lassen sich zwei diskurswissenschaftliche Richtungen erkennen.

 

  1. discourse analysis. Diese Richtung wurde vor allem im anglo-amerikanischen Raum entwickelt, bezieht sich ausschließlich auf die Sprache und wird vorrangig in der Sprachwissenschaft angewandt.
  2. diskurs. Die zweite Richtung der analytischen Diskurswissenschaft hat seine Wurzeln vor allem im französischen (Post-)Strukturalismus. In diesem Zusammenhang werden unter dem Etikett „Diskurs“ großflächige, gesellschaftliche Formationssysteme verstanden, die auf ihre immanenten Bedeutungsproduktionen hin untersucht werden[5]. Vorrangig geht es um die Untersuchung und Aufdeckung von Phänomenen, die für die Politische Theorie von Interesse sein kann und darüber hinaus Erklärungen bieten kann, wie Verfahren, Regeln und bestehende Institutionen überhaupt erst durch eine Bedeutungszuweisung funktionieren können.

 

In weiter Folge konzentriert sich Nonhoff auf die zentralsten und nachhaltigsten Vertreter dieses Diskurszuganges: (1) Foucault; (2) Laclau/Mouffes.

(1) Laut Foucault sind Diskurse „einerseits immer konkrete historische Gebilde der Wissens- und Bedeutungsproduktion, andererseits aber zeichnen sich Diskurse grundsätzlich durch bestimmte, abstrakte beschreibbare Strukturen und Dynamiken aus“[6]. In dem Sinne sind Diskurse immer Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehörig sind. Wobei jedoch unter einer Aussage keine banale sprachliche Artikulation gemeint ist, sondern vielmehr ein Prozess mit Bedeutung gemeint ist, der durch progressive Bedeutungszuweisung Wissen hervorbringt und generieren kann.

Lange Zeit war für Foucault der Diskurs an sich zentrales Forschungsinteresse. Im Laufe der Zeit – gerade wegen seiner Beschäftigung mit humanwissenschaftlichen Themen – wendet sich Foucault jedoch zwei weiteren, aufeinander aufbauenden Aspekten zu:

  1. beginnt Foucault nach Verbindungen zwischen Diskurs und Wissensformationen mit nicht-sprachlichen und nicht-diskursiven Praktiken zu forschen. In seinen weiteren Werken nennt er diese Verbindung „Dispositive“.
  2. Darauf aufbauend wird die Frage nach der Konsequenz solcher Verbindungen vor allem in Bezug auf Macht- und Subjektivierungswirkungen zu zentralen Forschungsinteressen von Foucault.

Wobei dem Begriff Macht – Foucault zufolge – primär keine unterdrückende oder ausschließliche Wirkung zukommt sondern vielmehr eine Produktivkraft innewohnt die für die diskursiven Formationen, die den Menschen oder das menschliche Verhalten als Erkenntnisinteresse als Fokus hat, von zentraler Bedeutung wird. Gemeint ist damit zum einen, dass „sie [die Macht] wahres Wissen und Normalität produziert, und zum anderen, weil diese Formationen des Normalen auch Individuen klassifizieren und mit Bedeutungen versehen, weil sie Subjekte produzieren“[7]. In dem Sinne ist Macht somit nichts worüber jemand verfügen könnte sondern immer etwas Anonymes das erst durch die Regelmässigkeit von Beziehungsgeflechten zwischen einzelnen Elementen der Gesellschaft entsteht. Macht ist „der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt“[8].

Foucaults Denkansätze können überaus fruchtbar für die Politische Theorie sein, gerade weil er sich umfassend mit den Begriffen von Macht, Wissen und Subjektivierung auseinandersetzt. Was bei Foucault jedoch fehlt sind Ansätze, die sich mit der Einschätzung  von politischen Akteuren oder wenigstens politischen Kräften innerhalb eines Diskurses beschäftigen.

(2) Genau an diesem „blinden Fleck“ hackt die Diskurstheorie nach Laclau und Mouffe ein. Die beiden entwickelten ihre Diskurstheorie in einem größeren theoretischen Projekt, das darauf abzielte Erklärungen für die Konstituiertheit von politischen Antagonismen und politischen Hegemonien zu entwickeln. Laclau und Mouffe leisteten zentrale Arbeiten um den Begriff des politischen Diskurses hervorzubringen und voranzutreiben. Sie erweiterten den, bis dato rein auf die sprachliche und semantische Komponenten reduzierten Diskurs um die Elemente des Sozialen als auch des Politischen. Wobei die beiden letztgenannten Aspekte keine für sich alleinstehende Faktoren sind, sondern in weiterer Folge immer als Prozesse zu verstehen sind. Laclau und Mouffe bauen zwar auf den zentralen Begrifflichkeiten und Vorarbeiten von Foucault auf, jedoch erweitern und verändern sie diese auch. So zum Beispiel verwenden sie anstelle des begrifflichen Doppels Äußerung/Aussage den Begriff der Artikulation zur Erfassung dessen, was sich als Diskurs zusammensetzt. Die beiden begreifen „Diskurs also als ein Phänomen, in welchem sich Struktur und Praxis durchdringen und das zugleich von Stabilität wie von Bewegung gekennzeichnet ist. Diskurse bilden Bedeutungsstrukturen aus, aber diese Bedeutungsstrukturen lassen sich nie entgültig oder vollkommen fixieren. Dennoch müssen immer Teilfixierungen existieren; andernfalls wären […] Differenzen und damit die Entstehung von Bedeutungen grundsätzlich unmöglich“[9].

Zentral ist bei Laclau und Mouffe aber vor allem, dass dessen Diskursverständnis über die reine Sprachuntersuchung hinausgeht und auch Alltagspraxis in einen Diskurs einfließen kann. Wobei Praxis alles sein kann, was sich in Beziehung zueinander setzen lassen kann.

Vor allem aber befassen sich die beiden mit dem Phänomen der Antagonisten und dem Begriff der Hegemonie. Sie interpretieren Hegemonie als „eine komplexe diskursive Praxis, in der die Vorherrschaft von bestimmten Bedeutungsmustern […] und die Führerschaft von bestimmten Gruppen ineinandergreifen. Hegemonien beruhen [somit] auf dem Gelingen eines paradoxen Aktes der Repräsentation, bei dem ein partikulares diskursives Element an die Stelle des „Allgemeinen“ […] tritt“[10].

Des weiteren geht es aber auch immer um die Frage, wie Subjekte diskursive und im besonderen hegemoniale Formationen hervorbringen können. Wobei immer zu berücksichtigen ist, dass Subjekte in der Diskurs- und Hegemonietheorie keineswegs in einer passiven Rolle zu denken sind.

 

 

Kritik

 

Der Text stellt eine rudimentäre Einführung in die Begrifflichkeit des Diskurses dar. Ausgewogen und in klarer, einfach gehaltener Struktur bietet es einen hervorragenden Überblick über die beiden Hauptstränge der Diskurstheorie an. Als Einstiegslektüre bestens geeignet, bietet Nonhoff alles, was man sich von einer Einführungslektüre nur wünschen kann: einen klaren Überblick mit den zentralsten Aussagen und darüber hinaus reichhaltige deutschsprachige Literaturhinweise für eine weiterführende Beschäftigung mit der Thematik.

Mehr ist es nicht, soll es aber höchstwahrscheinlich auch nicht sein.

 

 

Projektrelevanz

 

Die Projektrelevanz des vorliegenden Textes ist ausgesprochen gering, da wir uns ohnehin darüber klar waren, dass wir uns mit zentralen Vertretern der französisch dominierten Diskurstheorie auseinander setzen müssen. Augenscheinlich wurde nur, dass der normative Diskursansatz – was ohnehin schon von uns vermutet wurde – für uns höchstwahrscheinlich vernachlässigbar bleiben wird. Ob Foucault aufgrund seiner inhaltlichen Gewichtung auf subjektbezogene Diskursuntersuchungen und den fehlenden Diskursaspekten bzgl. Akteursanalysen usw. auch weiterhin Relevanz für uns besitzen kann, bleibt vorerst ebenfalls fraglich. Klar heraus kam, dass wir uns noch sehr eingehend mit den französischen Autoren beschäftigen werden müssen. Die Primärtexte lassen schon grüßen! 

 


[1] Nonhoff, Martin (2004): Diskurs. In: Göhler, Gerhard / Iser, Mattias / Kerner, Ina (Hrsg.) (2004): Politische Theorie. 22 umkämpfte Begriffe zur Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden. S. 67.

[2] Nonhoff S. 68.

[3] Nonhoff S. 69.

[4] Nonhoff S. 70.

[5] Vgl. S. 70.

[6] Nonhoff S. 71.

[7] Nonhoff S. 74.

[8] Foucault zitiert nach Nonhoff S. 74.

[9] Nonhoff S. 76.

[10] Nonhoff S. 77.

  • Der Diskurs-Begriff droht vor allem in den Sozialwissenschaften insofern einer inflationären Verwendung zu unterliegen, als dass er in verschiedensten Bedeutungszusammenhängen und theoretischen Auffassungen – oft unkommentiert – ve