Einstein, Albert (1954); „Raum, Äther und Feld in der Physik“

Mit Albert Einstein beginnt in der Raumbetrachtung eine neu Epoche. Spätestens seit der Entwicklung seiner allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie ist das „Container-Modell“ Denken des Raumes nicht mehr haltbar und der Raum verliert seinen absolutistischen Anspruch, der über Jahrzehnte hinweg zentraler Angelpunkt der Begrifflichkeit Raum gewesen ist. Die Verbindung von Zeit und Raum wird zum neuen Axiom der modernen Raumbetrachtung. Nur im Zusammenspiel und interaktivem Miteinander können sich die beiden Begriffe ihre Eigenständigkeit bewahren, andernfalls würden sie für sich alleine genommen in den Schatten der Wissenschaft sinken. Raum ist nicht mehr weiter aus sich heraus gegeben, sondern wird erst durch die Interaktion von Raumkörpern bzw. menschlichen Handlungen gemacht und bestimmt. Einstein, Albert (1954); „Raum, Äther und Feld in der Physik“ weiterlesen

Kant, Immanuel; Drei Texte über den Raum

Vorweg ein Satz in eigener Sache: Es ist immer wieder ein ergiebiges – wenn auch zeitraubendes und durchaus anstrengendes – Vergnügen sich mit Texten von Immanuel Kant auseinander zusetzen. Im vorliegenden Fall versuche ich drei Arbeiten von Kant zum Begriff Raum inhaltlich zusammen zu fassen: (1) Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raum (1768); (2) Von dem Raume (1770); (3) Was heißt: sich im Denken orientieren? (1786). Zentral ist in allen drei Texten – neben der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Raum an sich –, dass Kant keinen rein naturwissenschaftlichen Zugang zur Thematik wählt, sondern transzendental argumentiert und dadurch versucht die Bedingungen der Möglichkeit von Aussagen über die Natur zu bestimmen. Kant, Immanuel; Drei Texte über den Raum weiterlesen

Uexküll, Johann Jakob von; „Gedanken über die Entstehung des Raumes“

Uexkülls Beschäftigung mit der Entstehung des Raumes beginnt – in diesem Text – bei Kant, und dessen Nachweis einer „überall wirksame[n] Urkraft, die er nach ihren Leistungen die produktive Einbildungskraft nannte“[1]. Uexküll nennt diese im Folgenden produktive Bildungskraft, und beschreibt sie als jene Kraft, die es dem Individuum ermöglicht, „zahlreiche und verschiedenartige Teile zu einem neuen einheitlichen Ganzen zusammenzufassen.“[2] Eindrücke (Sinnesempfindungen) machen Elemente aus; aus diesen sind/werden Gegenstände zusammengesetzt – die Bildungskraft formt also Sinnesempfindungen zu einer neuen Einheit. Diese Formung erfolgt nach inneren feststehenden Regeln, welche Teil der Seele sind, und vergleichbar zu Strukturteilen materieller Organismen funktionieren.

Die Bildungsregeln beziehen sich laut Uexküll rein auf räumliche Empfindungen. Er macht drei Richtungsempfindungen pro Gegenstand aus; dieser wird danach eingeordnet, ob er sich vor oder hinter, links oder rechts von, über oder unter dem Betrachter befindet. Die produktive Bildungskraft vereinigt diese Empfindungen nach klaren Regeln zu einer neuen Einheit (aber nicht schon zu einem Gegenstand [!], weil für die Bildung eines Gegenstandes die Umgrenzung fehlt). „Diese Einheit ist aber doch eine Anschauung mit objektiver Realität – wir nennen sie Raum.“[3]. Und dieser Raum ist Voraussetzung für die Bildung von Gegenständen. Raum ist die stetig präsente Ordnung der Lage von Gegenständen.

Und deswegen, so ist Uexküll überzeugt, erklärte Kant Raum als Strukturelement unserer Seele[4], als pures Ordnungsinstrumentarium.

An dieser Stelle geht Uexküll einen anderen Weg als Kant. Er beruft sich auf Cyon, wenn er meint, dass spätestens nach dessen wissenschaftlichen Erkenntnissen – betreffend „’halbzirkelförmigen Kanäle’ oder ‚Bogengänge’ des Ohres“[5] – es bewiesen sei, dass „Richtungsempfindungen, aus denen der Raum aufgebaut wird, echte Sinnesempfindungen sind“[6].

Die Anordnung der Gegenstände im Raum bleibt immer eine rein subjektive, dahingehend, dass deren Lage sich auf nichts als auf den Betrachter bezieht. Diese echten – biologisch fundierten – Sinnesempfindungen, plus die bewussten Bewegungen unseres Körpers in denselben drei Richtungen des Raumes, sind wiederum „über die Lage der Gegenstände im Raum orientiert“[7].

Somit kommt Uexküll in dem vorliegenden kurzen Gedankenpapier zu folgendem Schluss: der Raumsinnesapparat[8] des Menschen liefert uns „das gemeinsame Feld, in dem die Gegenstände leben und in dem sich unsere Bewegungen abspielen – den Raum“.[9]

Kritik:

 Der vorliegende Text des estnischen Naturwissenschafters Johann Jakob von Uexküll integriert eine neue Komponente in das Raumdenken des beginnenden 20. Jahrhunderts. Uexküll, der sich schon als Schüler mit Kant beschäftigte, hängt seine Überlegungen auf der Einsicht auf, dass Kant die menschliche Seele sozusagen als immateriellen Organismus nachgewiesen hat, der u.a. auch für die individuelle Erfahrung von Raum zuständig ist. Uexküll widerspricht diesem Glauben insofern, als dass er es für erwiesen hält, dass die Grundempfindungen der drei Richtungen im Raum nicht einfach nur in des Menschen Seele vorhanden sind, vor allem aber dass deren Entstehung nicht ohne äußere Einflüsse auskommen kann. Zur Unterstreichung seiner Argumentation zieht er den Raumsinnesapparat des menschlichen Körpers, der eine gefühlte Orientierung im Raum ermöglicht, heran.

Die Herangehensweise entstammt und entspricht natürlich zu einem beträchtlichen Maße Uexkülls Ausbildung als Zoologe; dennoch eröffnet sie eine interessante Perspektive, die in der laufenden Raum-Debatte des beginnenden 20. Jahrhunderts vor allem die Inkludierung und Beachtung anderer Wissenschaften als der Philosophie weiter voran trieb.

Den Raumbegriff als solchen betreffend, liefert er einen biologischen, naturwissenschaftlich fundierten Erklärungsversuch eines subjektiven, individuellen Raumes, der für andere Individuen nicht zugänglich oder gar gezielt beeinflussbar ist.



[1] Uexküll, Johann Jakob von; Gedanken über die Entstehung des Raumes, in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan (Hrsg.); Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften; Suhrkamp Taschenbuch Verlag; Frankfurt am Main, 2006; S. 85.

[2] Ebenda S. 85

[3] Ebenda S. 86

[4] Unabhängig von äußeren Einflüssen!

[5] Uexküll, Johann Jakob von; in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 87

[6] Ebenda S. 87

[7] Ebenda S. 91

[8] Biologische Erläuterung siehe S. 87 ff.

[9] Ebenda S. 91

Leibniz, Gottfried Wilhelm; Briefwechsel mit Samuel Clarke

Der Anfang des vorliegenden Briefwechsels zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Samuel Clarke – über Raum und verschiedene dazugehörende philosophische Komponenten –  datiert vom November des Jahres 1715 und fand sein Ende durch Leibniz’ Tod am 14. November 1716 in Hannover.

Im Folgenden sollen die wichtigsten inhaltlichen Eckpfeiler der vorliegenden Debatte der Beiden nachgezeichnet werden; die Schwierigkeit besteht ganz sicher darin, dass Leibniz und Clarke aus ihren wissenschaftlichen und philosophischen Überlegungen heraus argumentieren, ohne – aufgrund der privaten Natur eines persönlichen Briefwechsels – auf außenstehende, geschweige denn eine gewisse Vorbildung vermissende Leser einzugehen. Dementsprechend abrupt und unvermittelt der Einstieg in die inhaltliche Debatte …

Leibniz, Gottfried Wilhelm; Briefwechsel mit Samuel Clarke weiterlesen

Günzel, Stephan; „Physik und Metaphysik des Raums“

Als einer von zwei Herausgebern des umfassenden Überblicks Raumtheorie über Grundlagentexte und Klassiker des raumtheoretischen Diskussionsprozesses, die noch heute keinerlei Gültigkeit und Relevanz für eine Betrachtung dieser philosophisch-kulturwissenschaftlichen Debatte vermissen lassen, übernimmt Stephan Günzel im vorliegenden Text die Aufgabe, dem Leser sehr aufschlussreiche einleitende Grundgedanken und Verweise auf historische Rahmenbedingungen mit auf den Weg zu geben. Und zwar für jene Beiträge zu dieser Debatte, die der Ansicht der Herausgeber nach, den Diskurs des 20. Jahrhunderts mitgeprägt haben, obwohl sie zum Teil mehrere Jahrhunderte zuvor erzeugt worden waren. Sind es in den anderen fünf Teilen des Buches Texte, die ausschließlich im Verlauf des 20. Jahrhunderts (oder frühestens Ende des 19. Jahrhunderts) entstanden, so müssen die im Folgenden zusammengefassten Erläuterungen einen Text von René Descartes (aus dem Jahre 1644), einen Briefwechsel zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Samuel Clarke (1715/1716), und drei Schriftsegmente von Immanuel Kant (zw. 1768 und 1786), sowie ein Dokument von Jakob Johann von Uexküll (1913) und eines von Albert Einstein (1954) umrahmen und in einen gemeinsamen Kontext, eine konsistente Genealogie einbetten.

Insgesamt sollen die Texte des auch diese Einleitung beinhaltenden Sammelbands u.a. in folgenden Kontext eingeordnet dargestellt werden:

         Denken des Autors

         Zeitgenössische Diskussion

         Anschluss zur gegenwärtigen raumtheoretischen Debatte

         Anschluss an den Gesamtdiskurs

 

Der vorliegende Einleitungstext soll diese Anforderungen in Bezug auf eben erwähnte fünf Autoren und ihre Gedanken erfüllen; zu diesem Zwecke nähert sich Günzel – unter Berücksichtigung auch anderer einflussreicher Denker und Wissenschafter als nur der eben erwähnten – chronologisch an den Raumbegriff an.

Günzel, Stephan; „Physik und Metaphysik des Raums“ weiterlesen

Descartes, René (1644); „Über die Prinzipien der materiellen Dinge“

Im ideengeschichtlichen Diskurs zum Begriff Raum nimmt der vorliegende Text zum einen eine ausgesprochen prominente Stellung ein und zum anderen ist die Abhandlung von Descartes als ein wichtiges Zwischenstück zwischen dem alten antiken, scholastisch-mittelalterlichen „Topos" Denken und dem damalig neuen newton´schen Raumbegriff einzuordnen. Descartes Denken steht für eine Überwindung der einheitlich gedachten Begrifflichkeit des Raumes, wobei der Doppelung der Welt in eine materielle Welt des Seins und einer gedachten Welt des Kognitiven eine zentrale Rolle zukommt. Im folgenden versuche ich aus der Sicht von Descartes die zentralen Aussagen seiner Abhandlung aus dem Jahre 1644 zusammenzufassen. Descartes, René (1644); „Über die Prinzipien der materiellen Dinge“ weiterlesen

Nonhoff, Martin; „Diskurs“

Nonhoff leitet seinen Text ein, wie offensichtlich alle Autoren ihre Texte einleiten, die den Diskurs als Untersuchungsgegenstand aufgreifen. Er streicht die Hochkonjunktur der Begrifflichkeit innerhalb der Sozialwissenschaften heraus, betont dabei aber, dass es nach wie vor ein relativ vernachlässigtes Thema innerhalb der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung geblieben ist. Das trifft insbesondere dann zu, wenn man die Fortschritte in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. der Sprachwissenschaft oder der Ethnologie als Vergleich heranzieht.

Gleich zu Beginn seiner Auseinandersetzung mit vorliegendem Thema trifft er eine grundlegende Begriffsunterscheidung. Er trennt den Diskursbegriff auf in eine Diskurstheorie normativer Prägung einerseits und einen Diskursbegriff analytischer Prägung andererseits. Im Verlauf der Lektüre seines Textes hat sich diese begriffliche Aufspaltung als durchaus gelungen und nachvollziehbar erwiesen. 

Nonhoff, Martin; „Diskurs“ weiterlesen

Keller, Reiner; „Wissen oder Sprache? Für eine wissensanalytische Profilierung der Diskursforschung“

Reiner Keller geht nach einer kurzen Skizzierung der Schwachstellen und verkürzten Instrumentarien der den Sozialwissenschaften zur Verfügung stehenden Diskursanalyse sofort daran, eine neue Herangehensweise an Diskurse auszuarbeiten. Er schlägt „einen anderen ‚Ausweg’ aus der skizzierten Problemkonstellation vor: die Übersetzung des diskurstheoretischen und diskursanalytischen Programms in die (Hermeneutische) Wissenssoziologie und, damit einhergehend, die Nutzung methodischer Werkzeuge aus der qualitativen Sozialforschung.“[1]

Im vorliegenden Text nimmt er Anleihen an geschichtswissenschaftlichen Zugängen von Achim Landwehr und Philipp Sarasin, baut sein Gedankengebäude aber auch auf dem Fundament der Kritik an ihren Perspektiven auf. Weiters lehnt er sich verstärkt an Foucault`s Blickwinkel bzgl. Diskursanalyse an, lässt aber auch diesen nicht unangetastet. Zum Abschluss beschäftigt er sich durchaus praxisorientiert mit möglichen methodischen Arbeitsschritten, um seine theoretischen Vorüberlegungen für Sozial-, vor allem aber Geschichtswissenschafter anwendbar zu machen.


[1] Keller, Reiner; S.12

Keller, Reiner; „Wissen oder Sprache? Für eine wissensanalytische Profilierung der Diskursforschung“ weiterlesen

Systemtheorie senso Luhmann

Eines gleich einmal vorweg: Nach der Lektüre von „Soziale Systeme“ (Luhmann: 1984), einiger Sekundärquellen und der Durchsicht von „Einführung in die Systemtheorie“ (Luhmann: 2002 – Eine Transkription der von Luhmann gehaltenen Vorlesung an der Uni Bielefeld) wurde für mich rasch klar, dass sich eine Zusammenfassung der luhmann´schen Theorie ausgesprochen schwierig gestalten wird.  Im folgenden möchte ich daher nur versuchen die Systemtheorie nach Luhmann in dessen Eckpunkten zu skizzieren. Die Darstellung erhebt natürlich keinesfalls den Anspruch die Systemtheorie in ihrer Gesamtheit darzustellen, sondern ist eine Widerspiegelung dessen, was mir als besonders interessant während der Lektüre ins Auge gesprungen ist. Systemtheorie senso Luhmann weiterlesen