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Montag, 10. Dezember 2007 Dissertationsoutline für Präsentation Anfang Dezember 07Geschrieben von Christoph Clar in Working PapersKommentare (0) | Trackbacks (0) Arbeitstitel: Zur Genese eines politischen Raumes (in Europa?)
For Forschungsfrage: Was bedeutet der Begriff ‚Raum’ in seiner politikwissenschaftlichen Verwendung? Welche Konzepte von Raum verwenden/setzen voraus gegenwärtige theoretische Ansätze (der Internationalen Beziehungen)?
Untersuchungsgegenstand: Ausgesuchte theoretische Ansätze der (Politik)wissenschaft.
Methode: Begriffsanalyse/Literaturvergleich/Theoriekritik
Vorgehensweise und Ausgangsüberlegungen: Theoretisch unterlegt wird unsere kritische Herangehensweise von der Kritik am methodologischen Nationalismus. Es geht hierbei um die Kritik an der nationalstaatlich dominierten theoretischen Herangehensweise in der Politikwissenschaft/den Internationalen Beziehungen. Prinzipiell entspringt unser Interesse und die Notwendigkeit für eine, der Arbeit vorgelagerten, Kritik am methodologischen Nationalismus aus folgender (vereinfacht dargestellten und auf das Wesentliche reduzierten) Sichtweise: Jegliche gesellschaftliche und individuelle Wahrnehmung unterliegt einem Selektionsprozess. Informationen und Wahrnehmungen werden entlang a priori vorhandener sozialisierter „Wissensstrukturen“ systematisiert und eingeordnet – im Kontext wissenschaftlicher Gesellschaftsanalysen nennt es sich unter anderem „Schemata“, in einem wissenschaftlichen Diskurs „Theorie“ oder im Kontext gegenläufiger Meinungen und Ideen „Vorurteile“. Diese Hypostasierungsleistung ist zum einen in Anbetracht der gegebenen Informationsfülle eine notwendige Strukturierungs- und gesellschaftliche Orientierungshilfe, zugleich birgt sie aber auch die Gefahr in sich, in vorgefassten Meinungen verhaftet zu bleiben. Es hat sich im Laufe der Geschichte und durch kognitive Untersuchungen gezeigt, dass „Wissensstrukturen“, mit deren Hilfe Informationsselektion erreicht wird, ausgesprochen resistent gegenüber paradigmatischen Veränderungen ist. Anstatt orthodoxe Theorien und Sichtweisen zugunsten neuer Erkenntnisse und Erfahrungswerte abzuändern oder im radikalsten Falle aufzugeben, werden eben diese reinterpretiert, um sich argumentativ in die vorhandenen Wissensstrukturen einfügen zu lassen. Das gilt sowohl für die Ebene akademischer Diskurse als auch für die Ebene des „Alltagslebens“.[1] So oder so sind also gesellschaftliche und individuelle Wahrnehmungen „theory-driven“ und in weiterer Folge selektiv. Theorien bieten natürlich – positiv und aus einer wissenschaftlichen Sicht betrachtet – die Möglichkeit, in der gegenwärtigen Informationsflut einzelne Aspekte herauszugreifen und analytisch bearbeitbar zu machen. Gleichzeitig werden jedoch dadurch andere Bereiche in den Hintergrund gerückt und bleiben im Dunkel. Wir behaupten, dass genau das im Laufe der Zeit durch den methodologischen Nationalismus geschehen ist – in den Sozialwissenschaften im Allgemeinen und der Politikwissenschaft im Speziellen. Der Begriff „Staat“ und dessen Grenzen sowie Territorien wurde zum zentralen Ausgangselement jeglicher sozialwissenschaftlicher Beschäftigung. Die globale Aufteilung in souveräne Staatseinheiten und den (notwendigerweise) dazugehörigen, sich gegenseitig ausschließenden exklusiven Territorialitäten sind so etwas wie die „Zweite Natur“ unserer gesellschaftlichen Selbstperzeption geworden. Unser gegenwärtiges Verständnis für politische und gesellschaftliche Organisationsstruktur ist fundamental (fast dogmatisch) durch diese Logik geprägt und es ist gedanklich kaum möglich sich dieser Sichtweise zu entziehen.[2] Insofern lassen sich bei den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen immer zwei klar unterscheidbare disziplininhärente Grenzen beobachten. Da sind zum einen Ansätze die sich der Thematik der inneren Vorgänge eines Staates zuwenden und zum anderen jene wissenschaftlichen Theoretisierungen die auf die Zusammenhänge über die Außengrenzen eines Staates hinweg rekurrieren (Internationale Beziehungen). Dieses – eben durch die perzeptive Dominanz von Staaten entstandene – in „Inklusion/Exklusion“ verhaftete Denkschema lässt sich in vielen Bereichen der Sozialwissenschaften auffinden. Exemplarisch einige (auch triviale) Beispiele: in Deutschland (und auch in den skandinavischen Ländern) spricht man von der Politikwissenschaft als die Staatswissenschaften; die Ökonomie wird gemeinhin als Nationalökonomie bezeichnet; Geographen typologisieren die Welt nach Maßgaben territorialer Staatsgrenzen und die Mehrheit der Historiker schreiben „nationale Geschichte“. Hinzukommt, dass das sozialwissenschaftlich verwendete empirische Datenmaterial häufig auf einer nationalen Basis erhoben wird. Im Englischen lässt sich sogar eine etymologische Gemeinsamkeit zwischen „statistics“ und „state“ beobachten, was im Kontext einer Kritik am methodologischen Nationalismus zwar ohne weiteres als Zufall abgetan werden könnte, aber zugleich auch aufzeigen kann wie tief verwurzelt „staatszentriertes Denken“ in unserer (westlichen!) Gesellschaft ist.[3] Der Staat ist also im Laufe der vergangenen vier Jahrhunderte (seit dem postulierten „Turning-Point“ des Westfälischen Friedens, 1648) zum zentralen Ordnungsprinzip der sozialwissenschaftlichen Disziplin als auch der politischen, gesellschaftlichen und individuellen Perzeption geworden. Er wird unhinterfragt in den wissenschaftlichen sowie „alltäglichen“ Denkmustern übernommen und als prinzipielle Voraussetzung (Hypostasierende Wissensstruktur, „Regelsystem“) angenommen. Die spannende Frage die nun aus dieser Kritik am methodologischen Nationalismus entspringt und für unser Forschungsvorhaben relevant wird, ist: Warum konnte sich gerade dieses Konzept der politischen Organisationsstruktur derart durchsetzen? Die Frage impliziert zugleich, was durch diese Kritik erreicht werden soll. Aus einer staatszentrierten Sichtweise gilt der Westfälische Friede als originärer historischer Ursprung des modernen Territorialstaates und bietet orthodox gesehen einen brauchbaren Indikator um sich dem räumlichen Territorial(National-)begriff anzunähern, jedoch zeigt die Kritik des methodologischen Nationalismus den der Politikwissenschaft inhärenten Staatsfetischismus.
Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Raum keine Kategorie a priori ist, die ursächlich Einfluss auf gesellschaftliche Handlungen nimmt. Raum wird durch gesellschaftliches Handeln – nicht zielgerichtet! – konstruiert, wirkt erst daran anschließend zurück. Die Herausbildung des für Territorialstaaten (daran anschließend Nationalstaaten) relevanten Raums – ursprünglich Territorium – wird durch die Kritische Theorie im Kontext des Entstehens und Voranschreitens des Kapitalismus erklärt.
Die Politikwissenschaft bezieht Raum in erster Linie über dessen territoriale Definition und Funktionen in seiner Betrachtung mit ein[4]. Diese hängen eng mit der Herausbildung des Territorial- (später National-)Staates zusammen. Erst davon ausgehend entwickelten sich – in seiner wissenschaftlichen Betrachtung – andere Funktionen von Raum. Dementsprechend steht am Anfang unserer Beschäftigung dieser „ursprüngliche politische Raum“. David Harvey attestiert schon der zu Zeiten eines Alexander von Humboldt und eines Carl Ritter von eben diesen durchgeführten ersten systematischen Beschreibung der Erdoberfläche einzig jenen Sinn, den sich stetig weiterentwickelnden globalen Markt der Welt zugänglich zu machen; sprich er argumentiert, dass geographische Praktiken einzig „the management of Empire, colonial administration, and the exploration of commercial opportunities“[5] dienten. Dementsprechend setzt er den struggle for command over territory mit dem struggle over access to raw materials, labor supplies, and markets gleich; das ist also die zugrunde liegende Ursache der Herausbildung territorial geschlossener politischer Einheiten, alles andere – wie die Verwendung eben dieser zur Konstruktion einer Nation, o.ä. – sind nur sich daraus ergebende und dementsprechend verwendbare Funktionen, o.ä.. Die Kritische Theorie betrachtet (politischen) Raum aus eben jenem Blickwinkel, also betreffend der Verwendung geographischer Kategorien zur effizienteren Planung (kapitalistischer) Produktionsweise. Und daran nehmen wir theoretische Anleihen, bzw. lehnen uns an. Beispiel: David Harvey’s Fokus auf sozio-ökonomische Ursachen/Bedingungen für veränderte Auffassung von Raum bzw. der Produktion und Verwendung geographischen Wissens (Monetarisierung, beginnender Kapitalismus, Wissenszuwachs, historische Erfahrungen, technologische Entwicklungen, ...), also den Einfluss der Konstruktion und Transformation materieller Bedingungen/Umwelt auf Produktion und Konstruktion geographischen Wissens. Er argumentiert, dass eine Abstraktion von Raum die Funktion hat, Produktion, Konsum und soziale Beziehungen – also Gesellschaft – effizient zu organisieren.
Durch seinen Gebietsanspruch erhebt der Staatsapparat – seinem Wesen nach eine Art Grundstücksverwalter – den alleinigen Anspruch auf die darauf befindlichen Ressourcen. Doch lassen sich die auf diesem Wege gesicherten Ressourcen nur durch die entsprechende Technologie und über den Zugang zu entsprechenden Märkten mobilisieren und sinnvoll einsetzen. Dazu bedarf einerseits einer zentralisierten Organisation, andererseits des korporativen Umgangs mit anderen Staaten; also die Einbindung in ein möglichst klar strukturiertes System internationaler Finanzen und des Handels. Die Form des Territorialstaates ist keineswegs die einzige Möglichkeit der Organisation eines kapitalistischen Produktionsprozesses ... sie hat sich ganz einfach als die effizienteste Variante erwiesen, weil durchgesetzt. Zur Zeit des Übergangs vom Feudalsystem zur Dominanz eines bürgerlichen Staates gab es sehr wohl auch andere konkurrierende Systeme.[6] Die zunehmende Differenzierung innerhalb kapitalistischer Gesellschaften und der daraus entstehende Ordnungsbedarf verlangten nach einem geschlossenen Territorium. Diesbezüglich bauen wir zum Beispiel auf Scott/Storper auf: „the peculiarities of the labor process have historically given rise to distinctive ‚territorial production complexes’“[7]. Aufgrund der Entwicklung einer funktional fragmentierteren Gesellschaft, aufgrund des sich immer weiter verbreitenden Handels, aufgrund der zunehmenden Interdependenzen mit und zum Zwecke der Absicherung gegenüber Konkurrenten, mussten sich die bestehenden Herrschaftskomplexe anpassen. Hinzu kommt die (Weiter)Entwicklung des Geldwesens. „Die Entwicklung des Tausch- und Geldverkehrs samt der sozialen Formationen, die sein Träger sind, steht mit der Gestalt und der Entwicklung des Herrschaftsmonopols innerhalb eines bestimmten Gebietes in unablässiger Wechselbeziehung. [...] durch diese Differenzierung der Gesellschaft, durch das Fortschreiten des Geldverkehrs und die Ausbildung von Geld erwerbenden und besitzenden Schichten beeinflußt [..., durch] das Gedeihen der Arbeitsteilung selbst, die Sicherung von Wegen und Märkten über größere Gebiete hin, die Regelung der Münzprägung und des gesamten Geldverkehrs, der Schutz der friedlichen Produktion [...]“[8], kam es der sich auf ein Territorium beziehenden Bildung der Zentralinstitution Territorialstaat. Paul James baut ein Giddens-Zitat auf diese Argumentation hinauslaufend aus: „The early development of capitalism was indeed predicated upon an insulation of the economic not only internal but external to the territorially bounded [therefore, nation-]state (sic!).”[9] Die Ansprüche auf bestimmte Territorien wurden daraus folgend gegenseitig legitimiert, und um die dadurch vereinnahmten Ressourcen auch wirklich gewinnbringend und effizient nutzen zu können, musste in einem nächsten Schritt die Einbindung in ein klar geregeltes System erfolgen; es entwickelte sich ein internationaler Finanzmarkt und internationaler Handel, also das Internationale System. Dementsprechend bezeichnen Scott/Storper die geographische Landschaft als – seit Herausbildung des Kapitalismus – „an assemblage of territorial complexes of human labor and emergent social activity“[10]. Dieses konstituiert sich (u.a.) nach einem – kapitalistischen Gesellschaftsbeziehungen inhärenten – „Regelsystem“. Also: Die Signifikanz geographischer Organisation besteht – ursprünglich(!) – in deren Relevanz für eine gesteigerte Effizienz und Effektivität der (kapitalistischen) Produktion(sweise). Der Staat ist nicht Teil der Organisation des Kapitalismus an sich: „The state is a definable institution within capitalist society, necessary to the success of capitalism but explicitly separate from it.”[11] David Harvey verweist diesbezüglich auf Von Thünen, der schon Anfang des 19. Jahrhunderts Staatsgrenzen als unbedingt notwendige Voraussetzung des Gegensatzes von Kapital und Arbeit überhaupt argumentiert.[12]
Die sich aus der ursprünglichen Funktion von Territorium entwickelten weiteren Funktionen von Raum sollen in weiterer Folge der Analyse neuerer politikwissenschaftlicher Ansätze (vermutlich: Global Governance und Kosmopolitismus[13]) dienen. Die „klassischen Funktionen“ von (nationalstaatlichem) Raum werden also den Funktionen der Raum-Konzeptionen dieser Ansätze gegenübergestellt. Welche Konzeptionen von Raum werden in den jeweiligen Debatten vorausgesetzt, angenommen, o.ä.? Beschäftigen sich diese überhaupt mit den bestehenden Überlegungen zu den Funktionen von Raum? Übernehmen sie einfach Raum in seiner nationalstaatlich konotierten Verwendung? Werden derartige Überlegungen überhaupt mitgedacht? Zie Ziel: Analyse der Verwendung der Kategorie Raum in neueren Ansätzen der Politikwissenschaft. Theoriekritik.
[1] vgl.: Jönsson, Christer/ Tägil, Sven/ Törnqvist, Gunner (2000); Organizing European Space; S. 10. [2] vgl.: Walker, Rob, B. J. (1993); Inside – Outside. International Relations as Political Theory; Cambridge; S. 179. [3] Die Beispiele wurden zum größten Teil entnommen aus: Jönsson et. al. S. 11. [4] Siehe Teil Methodologischer Nationalismus. [5] Harvey, David (1984); On the History and Present Condition of Gegography: an Historical Materialist Manifesto; S. 2 [6] vgl.: Sassen, Saskia (2006); Territory. Authority. Rights. From Medieval to Global Assemblages [7] Dear, Michael/ Wolch, Jennifer (Hrsg.) (1989); The Power of Geography. How Territory Shapes Social Life; S. 10 [8] Elias, Norbert (1997); Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band: Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation; S. 233 [9] James, Paul (1996); Nation Formation. Towards a Theory of Abstract Community; S. 161 [10] Scott, Allen J./Storper, Michael; zitiert in: Dear, Michael/ Wolch, Jennifer (Hrsg.) (1989); The Power of Geography. How Territory Shapes Social Life; S. 3 [11] Johnston, R.J. (1986); The State, the Region, and the Division of Labor.; in: Scott, Allen J./ Storper, Michael (Hrsg.); Production, Work, Territory. The Geographical Anatomy of Industrial Capitalism; S. 267 [12] Vgl.: Harvey, David (1981); The Spatial Fix: Hegel, Von Thünen and Marx; S. 292 f. [13] Weil beide zu einem Großteil den Anspruch erheben, die nationalstaatlich dominierte Politikwissenschaft zu überwinden, bzw. dem Nationalstaat eine veränderte Rolle (manchmal sogar einen Bedeutungsverlust) attestieren. |
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