Husserl, Edmund (1934); "Kopernikanische Umwendung der Kopernikanischen Umwendung"

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Donnerstag, 8. März 2007

Husserl, Edmund (1934); "Kopernikanische Umwendung der Kopernikanischen Umwendung"

Geschrieben von Christoph Clar in Raum
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Für Edmund Husserl sind Weltanschauung, die Anschauung einzelner Körper, Zeitanschauung und die Anschauung der Naturkausalität untrennbar mit der Anschauung von Raum verbunden. So wird bei ihm die Erde, damit eigentlich gemeint ist ihr Boden, zur Grundlage „für alle Körper in der Erfahrungsgenesis unserer Vorstellung“[1], als solches folglich zum Träger aller empirisch erfahrbaren Körper[2]. Es stellt sich die Erde also vorderhand in ihrer für Körper konstitutiven Funktion dar, die Sterne hingegen als nicht vollkommen zugänglich. Auf der Erde, an der Erde, von der Erde weg, auf die Erde hin, findet Bewegung statt. Ruhe und Bewegung haben erst in Bezug auf sie Sinn. Die Erde selbst ist ursprünglich in Bewegung; erst als zentrale Komponente des umfassenden Bezugssystems bewegt sie sich nicht. Die Erde, besser gesagt der Erdboden ist somit gedankliche wie reale Grundlage all dieser anfänglich erwähnten Anschauungen, sowie von Körpern, Bewegung, Beweglichkeit und Veränderlichkeit.



[1] Husserl, Edmund; S. 153

[2] Eingedenk dessen, dass Sterne nicht als Körper zu verstehen sind.

Dort wo Bewegung endet, zeichnet die Erfahrung die Möglichkeit von weiterer Bewegung vor. Körper sind wirklich in der Verwirklichung einer dieser Möglichkeiten. A priori sind diese Möglichkeiten alle offen. Doch erst „als seiende Möglichkeiten [... erhalten ...] sie (Veränderung und Bewegung; Anm. d. Verf.) anschauliche Vorstellbarkeit, ihre anschauliche Ausweisung“[1]. Am Beginn liegt also das Husserl’sche Universum offener Möglichkeiten, als Grundbestand der apperzipierten – also bewusst wahrgenommenen – Welt, vor uns.

Durch die Notwendigkeit, sich ständig für die Ergreifung einer Möglichkeit entscheiden zu müssen, konstituiert sich die Welt aufsteigend (eine Entscheidung basiert auf der vorhergehenden Entscheidung, basiert auf der vorhergehenden Entscheidung, basiert ...), und damit – so schließt Husserl daraus – ist die Welt „konstituiert in einer Horizonthaftigkeit, in welcher das Seiende als wirklich in den allzeit vorgezeichneten Seinsmöglichkeiten konstituiert ist“[2].

 

Diese ganz klar eingeschränkt potentielle Form von Welt bietet in weiterer Folge logischerweise einen einschränkenden Rahmen für alles weitere in der Welt zu Erwartende und Erfahrbare.

Wirkliche Erfahrung spielt sich also in diesem Rahmen sich induktiv vorzeichnender Möglichkeiten ab. Sie erfasst ein Stück eines sich der Wahrnehmung anbietenden Weltfeldes. Das „ergibt Körper in Ruhe oder Bewegung, in Unveränderung oder Veränderung [ ..., und das] in einer aktuellen Vergemeinschaftung“[3] mit dem Erfahrenden (oder sogar einer Gruppe von Erfahrenden).

 

Nun stellt sich Husserl in direktem Anschluss an diese Überlegungen jedoch die Frage, welche Möglichkeiten wirklich sinnbestimmend für die vollkonstituierte Welt sind!? Seine Antwort ist ein Gegensatzpaar: Ruhe und Bewegung (in grundlegender Bezugnahme auf die Erde als Boden!). Im Kontext der offenen Möglichkeiten für Körper büßen sie allerdings an Absolutheit ein. Sie werden notwendig relativ.

Aber wie ist dann ein Körper (sein Ort, seine Zeitstelle, seine Dauer, seine Gestalt) bestimmt oder bestimmbar? Der Ausgangspunkt aller fortschreitenden Apperzeption ist bei Husserl das Ich (des Apperzipierenden). Die Vorstellung von Welt hält sich zu vorderst an dem Wahrnehmungsfeld des Individuums an; dessen Leib ist der ruhende(!) Zentralkörper unter anderen, also Orientierungs- und Bezugspunkt. Allerdings ist die Ruhe dieses Bodenkörpers – in Bezug zum Erdboden – relativ; weil sich zwar allein aus dieser Perspektive heraus alles andere rund um ihn bewegt (oder eben nicht) und nie der zentrale Körper der Apperzeption selbst. In Bezug zum Erdboden (welcher die absolute Ruhe verkörpert) allerdings, kann er sich sehr wohl bewegen. Der Erdboden selbst ist bei Husserl kein Körper, und dementsprechend kann er auch weder ruhen, noch sich bewegen. Es fehlt ihm die dazu nötige „Bezugsgröße“.

Die Erde kann ganz einfach deswegen nicht „als ein geschlossener Körper in Bewegung und Ruhe Sinn haben“[4], weil sie als Ganzes ein Einheitliches ist, auch wenn von ihr abgestückt wird, sich Körper von ihr selbst abstücken, oder aber eben in Relation zu ihr ruhen. Ein Körper hat seine Extension, seine Qualifizierung und im Raume seinen Ort. Demzufolge ist die Erde kein Körper. „Die Erde ist ein Ganzes, dessen Teile [...] Körper sind, aber als ‚Ganzes’ ist sie kein Körper.“[5]

 

Der Erdboden ist ursprünglich konstituiert. Ihn umgibt Raum als offenes Nah-Fern-Feld von Körpern. Somit sind die Körper erdische Körper und der Raum Erdraum. Das Orientierungszentrum des Sinns ist das betrachtende Ich. Damit verleiht Husserl seinem Konzept von Raumerfahrung aber natürlich eine gewisse historizistische Komponente. Die Historizität liegt natürlich in den (vergangenen) Erfahrungen des „Orientierungszentrums“, also des Individuums, des Ichs. Der persönliche Bezug auf – beispielsweise – eine „Urheimat“, ein „Urterritorium“ ist letzten Endes ein relativer und nur eine Episode der einzigen(!) Urhistorie der Erde.

 

Die komprimierte Husserl’sche Definition von Erfahrung ist also „Historizität, in der sich die Welt und ihre körperliche Natur, naturaler Raum und Raumzeit, Menschheit und animalisches Universum konstituieren“[6].

 

Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, darf nicht unerwähnt bleiben, dass Husserl ganz und gar nicht von der astrophysischen Annahme ausgeht, dass die Erde der „Mittelpunkt der Welt“ sei. Er gesteht der Phänomenologie zu, die kopernikanische Astrophysik umgeworfen zu haben; er will zwar betont wissen, dass die Erde ein Stern unter Sternen ist, und dass an der physikalischen Auffassung von Raum bezüglich der physikalischen Beziehungen zur Erde auch gar nicht gerüttelt werden soll. Jedoch, er argumentiert, dass „die Erde und wir Menschen, ich mit meinem Leib und ich in meiner Generation, meinem Volk usw. Also (sic!) auch diese ganze Geschichtlichkeit [...] zum Ego unabtrennbar, und [...] prinzipiell nicht wiederholbar [...] ist“[7]. Alles bezieht sich demnach auf diese Historizität transzendentaler Konstitution als ständigen und sich ständig erweiternden Kern zurück.

 

Es besteht also ein gebundener Seinssinn, an den alle neu entdeckten Möglichkeiten anschließen; und dieser ist nun einmal auf der Erde urbeheimatet.[8]



[1] Husserl, Edmund; S. 154

[2] Husserl, Edmund; S. 155

[3] Husserl, Edmund; S. 155

[4] Husserl, Edmund; S. 157

[5] Husserl, Edmund; S. 158

[6] Husserl, Edmund; S. 159

[7] Husserl, Edmund; S. 162

[8] Husserl schließt dezidiert nicht aus, dass auch andere Himmelskörper eine eigene Urheimstätte sein könnten. Was aber für die „gegenwärtige“ Auffassung, bzw. menschliche Erfahrung von Raum keine Relevanz besitzt.

 

 

Husserl, Edmund (1934); Kopernikanische Umwendung der Kopernikanischen Umwendung; in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften; Suhrkamp Taschenbuch Verlag; Frankfurt am Main, 2006; S. 153 – 165

 

 

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