Harvey, David (1984); „On the History and Present Condition of Geography: An Historical Materialist Manifesto“

Es liegt hier also ein Text vor uns, dessen Veröffentlichung schon mehr als 20 Jahre in der Vergangenheit liegt. Als Solche in einer realpolitisch und sogar ideengeschichtlich schon relativ weit zurückliegenden Phase der Feder des bekannten Sozial-Geographen David Harvey entsprungen, sind diese Gedanken vor allem aber im Kontext von dessen persönlicher wissenschaftlicher Entwicklung heute mit Vorsicht und einigem Abstand zu genießen.

Im Prinzip geht es ihm um – wie die Überschrift unschwer vermuten lässt – den gegenwärtigen Stand „seiner“ Disziplin, der Geographie. Es lässt sich von Anfang an eine Art Plädoyer für eine Einbeziehung der historischen sozio-ökonomischen Bedingungen von gesellschaftlicher Entwicklung in die geographische Herangehensweise erahnen. Dieser Annahme wiederum würde der Anspruch eines materialistischen Manifests im Titel entsprechen.

Im Mittelpunkt der hier angestellten Überlegungen steht sozusagen das gedankliche Konstrukt eines geographischen Wissens („geographical knowledge“), sowie dessen Rolle, Funktion und Struktur. Die anfängliche Argumentationslinie Harveys verfolgt die „shifting societal configurations and needs“[1], die für deren Veränderung(en) verantwortlich zeichneten. Um es dezidierter zu benennen und festzumachen, bezieht der Autor die voranschreitende räumliche Integration der Weltwirtschaft, im Kontext einer immer stärker fragmentierten beruflichen und akademischen Aufteilung von Arbeit, als Initialzündung heran.

Form und Zusammenhänge dieses geographischen Wissens sei je nach sozialem Kontext verschieden; andere Gesellschaften, andere Klassen, andere soziale Gruppen besitzen jeweils andere geographische Kenntnisse. Diese Kenntnisse helfen – kodifiziert und sozial vermittelt, als Teil eines konzeptionellen Apparates – Individuen sowie Gruppen, sich in ihrer (Lebens)Welt zurecht zu finden: „This knowledge can be used in the struggle to liberate peoples from ‚natural’ disasters and constraints and from external oppression. It can be used in the quest to dominate nature and other peoples and to construct an alternative geography of . social life through the shaping of physical and social environments for social ends.“[2]

 

Harvey geht davon aus, dass geographisches Wissen nicht unabhängig von der sozialen Basis seiner Produktion und Verwendung verstanden werden kann. Anschließend an diese Grundannahme durchforstet er – im Scheinwerferlicht der Transformation von Feudalismus zu Kapitalismus in Westeuropa – die geographische Praxis in der burgeois era. Die am meisten herausstechende Komponente, vor allem für eine politikwissenschaftliche Beschäftigung mit dieser, eröffnet sich dem Leser erst im sechsten und letzten Punkt dieser Aufzählung; an dieser Stelle erwähnt Harvey „Ideas of ‚geographical’ or ‚manifest’ destiny, of ‚natural’ geographical rights [ … which] are liberally scattered in geographical texts and deeply embedded in popular geographical lore“[3].

Die in vorliegender Beschäftigung nicht weiter ausgeführte Aufzählung bringt Harvey in weiterer Folge zu der Kritik, dass Geographie dieser Vielfalt an geographischen Praxen in seiner akademischen Beschäftigung und Analysefähigkeit keinesfalls gerecht wird. Er fordert (oder forciert) dementsprechend eine innerdisziplinäre Arbeitsteilung.

Lange Zeit sei ein nachgeradezu eklektizistischer Ansatz verfolgt worden, der sich solch übergroßer Fragen und Themen wie „environmental determinism, the social relation to nature, the role of geography in history, etc.“[4] widmete. Den unzähligen diesem universalen Anspruch immanenten Dualismen, wie physische Geographie vs. Humangeographie oder Konzentration auf Regionen vs. systematische Studien globaler Unterschiede oder quantitative Herangehensweise vs. qualitative Herangehensweise, konnte unmöglich adäquat begegnet werden. Es wurden große Fragen gestellt; deren Beantwortung fiel aber allzu häufig äußerst trivial aus.

Erst externer Druck und interne Unstimmigkeiten führten zu einer längst notwendigen Fragmentierung. Als nur allzu sinnvoll und zwingend logisch erachtet Harvey beispielsweise die Anlehnung der Arbeitsweise von physical geographers an die Geologie, die Beschäftigung von location theorists mit Ökonomie, oder die Vertiefung von spatial choice theorists in die Überlegungen der Psychologie. Die Spezialisierung zog logischerweise eine automatische Distanzierung von den Prozessen der Konstruktion populären geographischen Wissens nach sich.

An dieser Stelle erkennt Harvey eine neuerliche Gefahrenquelle, die der Geographie im Laufe ihrer ideengeschichtlichen Entwicklung nachhaltig zuzusetzen droht(e); der Einfluss mächtiger (politischer) Akteure (Regierungen, Militärs, etc.) auf die vereinzelten, desorganisierten und auf sich gestellten Richtungen drohte, ihre Unabhängigkeit zu gefährden. So mahnt er die Eigenverantwortlichkeit seiner Kollegenschaft ein, und verweist dabei auf die Relevanz des sozialen Kontextes und des individuellen und kollektiven Bewusstseins jedes einzelnen Geographen. Plötzlich rutscht Harvey’s Text sogar in Richtung einer „Beschwörung“ des kritisch-realpolitischen Potentials seiner Disziplin ab!

Davon kommt er erst wieder ab als er Platz und Aufmerksamkeit einer überblicksmäßigen Beschäftigung mit Theorie- und Ideengeschichte der Geographie, und den Einflüssen relevanter gesellschaftspolitischer und sozialtheoretischer Ansätze auf diese, widmet.

So bekamen – unter anderen – Marxismus und Anarchismus ihre Chance, den suchenden Geographen Alternativen anzubieten, oder vice versa sich derer Überlegungen zu bedienen. „Each had then to identify and preserve those facets of geography relevant to their project. The more mundane techniques, such as mapping, information coding, and resource inventory analysis, appeared recuperable if not unavoidable to any reconstitution of geographic practice.”[5]

Den, eben erwähnten, “ur-geographischen” Instrumentarien haftet – und hier sieht Harvey deren zu behebendes Manko – ein verkürzender Positivismus an. Denn sie könnten jene spezifischen und oft unvergleichbaren Formen geographischen Wissens, die auf Erfahrungen, spezifischen Positionierungen und Traditionen beruhen, niemals erfassen. Somit eröffnet sich plötzlich ein ganz neuer Fokus: „The study of active construction and transformation of material environments (both physical and social) together with critical reflection on the production and use of geographical knowledge within the context of that activity, could become the center of concern.“[6] Die Achtung sollte also ab nun dem Prozess, dem becoming geschenkt werden.

 

In weiterer Folge schießt sich Harvey besonders auf die Überbewertung, weil Unzulänglichkeit des marxistischen Analyseinstrumentariums ein. Dieses durchwegs umfassende Theoriegebäude verdecke die unbedingt zu beachtende Subjektebene, auf welcher sich hoch differenzierte Aktivitäten von Individuen und Gruppen im Zusammenspiel mit räumlichen Besonderheiten abspielen.

„What is lacking is a clear context, a theoretical frame of reference, a language which can simultaneously capture global processes restructuring social, economic and political life in the contemporary era and the specifics of what is happening to individuals, groups, classes, and communities at particular places at certain times.“[7] Den Weg dahin sieht Harvey irgendwo zwischen der Sicherheit positivistischer Ruhe und dem Risiko nihilistischer Desintegration.

In Harvey’s Augen ist Geographie, bzw. das hier im Zentrum stehende geographische Wissen, die materiale Manifestation menschlicher Hoffnungen und Ängste, reproduziert und dementsprechend vermittelt durch konfliktartige Prozesse. „Conflictual social processes […] give birth to new geographical landscapes.“[8]

Und hier erkennt man Harvey’s Bevorzugung der Zeit über den Raum, Ausdruck findend in der Forderung nach einer historischen Gewichtung geographischer Anschauung. Sozialtheorie müsse die Tatsache materialer Ausformung als aktuelle geographische Konfigurationen, Beziehungen und Prozesse anerkennen.

Wie überhaupt die geographische Komponente von Gesellschaftstheorie niemals außen vor gelassen werden darf (was Harvey zwar nicht an Marx’ empirischen Studien, jedoch ganz explizit an dessen theoretischen Formulierungen bemängelt!).

Nach der mit großem Bedauern gestellten hypothetischen Frage, wie sich unsere politische und intellektuelle Welt wohl gestalten würde, wäre Karl Marx ein besserer Geograph gewesen, konkretisiert Harvey sein Historical Materialist Manifesto mit fünf abschließenden Punkten. Er fordert:

  1. “a popular geography, free from prejudice but reflective of real conflicts and contradictions“[9],
  2. eine peoples’ geography, die demokratisch breit konzeptionalisiert ist,
  3. einen dualen methodologischen Weg, sich bekennend zu Wissenschaftlichkeit und trotzdem Nicht-Neutralität,
  4. eine unbedingte Integration geographischer Überlegungen in generelle Sozialtheorien und
  5. die klare Definition eines politischen Projekts, „that sees the transition from capitalism to socialism in historico-geographical terms“[10].

 

 

Kritik 

Harvey träumt von einer umfassenden Gesellschaftstheorie, von einem die Gesellschaft und ihre Mechanismen erklärenden Ansatz, und versteift sich dabei nicht nur auf die individuelle Ebene, sondern genauso auf die faktischen und materiellen Auswirkungen von Ideen, Werten, Hoffnungen und Ängsten. Die scheinbar gefundene Parallele zu Marx findet er in der Produktivität dialektischer sozialer Prozesse (conflicts and contradictions); mit einer materialistischen Herangehensweise hat vorliegendes Manifest allerdings nicht viel zu tun.

In Betracht gezogen muss – wie eingangs schon erwähnt – natürlich die Entstehungszeit des Textes; 1984 war der Marxismus noch nicht dermaßen von seiner realpolitischen „Verwendung“ erschüttert, und auch die geopolitischen Überlegungen spielten sich in einem völlig anderen Kontext ab. Eine Ausführung dieser Relativierungen macht an dieser Stelle allerdings nur sehr eingeschränkt Sinn, da es ganz einfach in diesem Stadium rein um die „praktische“ Relevanz der diesen Text konstituierenden Zeilen geht.


[1] Harvey, David; S. 1

[2] Harvey, David; S. 2

[3] Harvey, David; S. 4

[4] Harvey, David; S. 4

[5] Harvey, David; S. 5 HHH

[6] Harvey, David; S. 6

[7] Harvey, David; S. 6

[8] Harvey, David; S. 7

[9] Harvey, David; S. 9

[10] Harvey, David; S. 10

 

 

Harvey, David; On the History and Present Condition of Geography: An Historical Materialist Manifesto; in: The Professional Geographer, Volume 36, Number 1; Association of American Geographers; February 1984