Braudel, Fernand (1949); „Géohistoire und geographischer Determinismus“

Braudel beginnt seinen Text mit einer Skizzierung dessen, was Geohistoire bedeutet und in weiterer Folge welchem Anspruch seine Arbeit geschuldet ist. Braudel hat ein zweifaches Anliegen: Erstens geht es darum Geographie nicht nur als Humangeographie der gegenwärtigen Probleme zu begreifen, sondern auch gegenüber den historischen Entwicklungen und Erkenntnissen – gemeinhin der Zeit an sich – entsprechend Rechnung zu tragen. Zweitens geht es darum aus einer historischen Geographie die sich ausschließlich der Untersuchung von Staatsgrenzen und dessen administrativen Einheiten verschrieben hat, eine wirkliche retrospektive Humangeographie zu entwickeln, die auch die Erde und deren topologischen Eigenheiten (Klima, Boden, Lebewesen, gewerbliche Aktivitäten) nicht nur berücksichtigt, sondern auch in einen kausalen Zusammenhang bringen kann.

Für Braudel ist gerade das Mittelmeer ein sowohl zeitlich als auch materiell akkurates Forschungsbiotop, an dem solch ein zweifacher Anspruch verwirklicht werden kann[1]. „Ist es nicht ein Verbund halbautonomer Welten, eine Föderation lebenskräftiger, unverwechselbarer und doch stets miteinander vergleichbarer Mittelmeerräume? Die Erfahrungen folgen hier in geschwisterlich erlebter Eintracht miteinander“[2].

Was Braudel genau meint ist, dass es möglich sein muss Entwicklungen aus unterschiedlicher Zeitepochen und/oder unterschiedlichen „Arealen“ des Mittelmeerraumes über zeitliche und räumliche Bewegungen quer zueinander in vergleichende Einklänge zu bringen. Braudel ist sich den Gefahren solcher Vergleiche durchaus bewusst, dennoch versteht er sie nicht nur als problematisch sondern zugleich auch als Chance der Erkenntnisgewinnung. „Eine gefährliche Methode? […] Warum profitieren wir nicht von dieser Arbeit [die von anderen Forschern aus anderen Zeitepochen geleistet wurden. Anm. des Verfassers], um unsere Leitlinien aufeinander abzustimmen? Um unsere Schlussfolgerungen mit Hilfe räumlicher Sprünge zu überprüfen, die sich in Zeit und Raum durchsetzen? Darin liegen unverzichtbare Berührungspunkte“[3].

Wobei sich eine Zeit-Raum-Konstante über den räumlichen und zeitlichen Ereignishorizont hinaus gerade in materiell faktischer „Symbiosen“ zwischen Mensch und Erde verdeutlichen lässt. Als exemplarisches Veranschaulichungsbeispiel unter vielen deren sich Braudel bedient, bietet folgendes einen besonders plastischen als durchaus auch aktuellen Einblick was genau darunter zu verstehen ist: „Der Nahe Osten ist nicht von den Arabern erobert worden; er ist es, der sie erobert, der sie assimiliert hat. Er geht mit ihnen um wie jene Blumen mit den Insekten, die so unvorsichtig waren, sich in den Blütenkelchen niederzulassen: sie schließen sich und verschlingen die Insekten“[4].

Im Kontext von Geschichte und ihrem Kontakt zum „Boden“, stellt sich Braudel auch der weitreichenden Debatte über den geographischen Determinismus. Braudel attestiert Ratzel einen geographischen Fatalismus und wendet sich gegen den „geographischen Hausgebrauch“, dass es nur durch die „Einmischung“ eines Historikers – innerhalb der Geographie – möglich sei, sich gegen einen simplifizierten Determinismus wenden zu können. Darüber hinaus verwehrt sich Braudel dagegen eine willkürliche Entscheidung in der Wahl des Untersuchungsgegenstandes Mensch oder seiner Umgebung treffen zu müssen.



[1] Für eine umfassende und doch kompakte Einführung in Braudel´s Arbeiten zum Mittelmeer vgl. Braudel, Fernand / Duby, Georges / Aymard, Maurice (2006): Die Welt des Mittelmeeres. Zur Geschichte und Geographie kultureller Lebensformen. Fischer Verlag: Frankfurt.

[2] Braudel, Fernand (1949): Géohistoire und geographischer Determinismus. In: Dünne, Jörg / Günzel, Stephan (Hg.) (2006): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp: Frankfurt/Main, S. 397.

[3] Ebenda, S. 397

[4] Ebenda, S. 400