Lefebvre, Henri (1974); „Die Produktion des Raums“

Lefebvre geht in seinem – hier vorliegenden – Text von der These aus, dass (sozialer) Raum ein (soziales) Produkt ist. Dieser entsprechend, beginnt er mit der Erläuterung einiger daraus folgender Implikationen

1. (Physischer) Naturraum ist und bleibt zwar das Ursprüngliche des sozialen Prozesses, Quelle und Rohstoff; er bleibt als Bildhintergrund bestehen, aber eben nur mehr als Bildhintergrund, der sich dem bewussten Denken entzieht. Er rückt auf Distanz, „verwandelt sich in eine Fiktion, in eine negative Utopie“[1]. Er stellt sich nur mehr als Rohstoff dar, auf den die Produktivkräfte verschiedener Gesellschaften eingewirkt haben. Ziel dieses Einwirkens war/ist die Produktion eines ihnen eigenen Raums. Somit ist der Naturraum entleert, geschwächt, besiegt.

2. Jede Gesellschaft produziert einen ihr eigenen Raum (mit ihrer eigenen Raumpraxis). Raum besteht in seiner jeweils eigenen Genese, seiner Form, mit seinen spezifischen Zeiten und seiner spezifischen Zeit; für jede Gesellschaft, genauer gesagt „jede Produktionsweise (mode de production), die bestimmte Produktionsverhältnisse (rapports de production) beinhaltet“[2].

In diesem Zusammenhang weist Lefebvre auf die Schwierigkeit der Untersuchung von sozialem Raum hin, aufgrund der Neuigkeit und Komplexität seiner realen und formalen Aspekte. „Der soziale Raum enthält, indem er ihnen ihre (mehr oder weniger) geeigneten Orte zuweist, die sozialen Reproduktionsverhältnisse (rapports sociaux de reproduction), das heißt die bio-physiologischen Beziehungen zwischen den Geschlechtern, den Alterstufen sowie die jeweilige Organisation der Familie, und die Produktionsverhältnisse, das heißt die Aufteilung und Organisation der Arbeit, also die hierarchisierten sozialen Funktionen“[3]. Die beiden Stränge Produktion und Reproduktion lassen sich nicht mehr voneinander trennen; dennoch unterscheidet der soziale Raum diese Aktivitäten und verortet sie. Auch die soziale Reproduktion, also das Fortleben der Gesellschaft, ist darin verankert.

Vor allem der Kapitalismus verkomplizierte Lefebvre’s Meinung nach die Lage dieses Beziehungsgeflechts, das aus drei ineinander greifenden Ebenen besteht; der biologischen Reproduktion, der Reproduktion der Arbeitskraft und der sozialen Produktionsverhältnisse. Und, Lefebvre betrachtet dementsprechend die Rolle des Raums in dieser dreifachen Verknüpfung. Die Schwierigkeit nämlich besteht darin, dass der Raum „auch bestimmte Repräsentationen dieser doppelten bzw. dreifachen Interferenz der sozialen (Produktions- und Reproduktions-)Verhältnisse enthält“[4]. Der Raum repräsentiert diese in Form von Symbolen und hält sie so in einem Zustand der Koexistenz und des Zusammenhalts. Die Symbolik oder Symbolisierung zeigt nicht unbedingt mehr als sie verbirgt. Die Repräsentation der Reproduktionsverhältnisse in Form verschiedener männlicher wie weiblicher Sexualsymbole zum Beispiel verbirgt weit mehr (durch Aufteilung in öffentliche, eindeutig kodifizierte Beziehungen vs. Heimliche, unterdrückte Beziehungen).

Es kommt also im Raum zu vielfältigen Überkreuzungen an dafür vorgesehenen Orten und Plätzen. Hinzu kommen die Repräsentationen jener Produktionsverhältnisse, die Machtbeziehungen beinhalten (Gebäude, Denkmäler, etc.), die ebenfalls im Raum stattfinden. Daraus bildet sich für Lefebvre eine zentrale Dreiheit aus:

a.)    räumlicher Praxis,

b.)    Raumrepräsentationen und

c.)    Repräsentationsräumen.[5]

3. „Wenn der Raum ein Produkt ist, dann muss die Erkenntnis diese Produktion reproduzieren und darstellen“[6]. Dem Rechnung tragend, verschiebt sich das Erkenntnisinteresse des Textes an diesem Punkt weg von den Dingen im Raum hin zur Produktion des Raums.

Die Dinge im Raum und der Diskurs (Reden!) über den Raum dienen nur mehr als Zeugnisse für diesen Produktionsprozess (all seine Bezeichnungsprozesse inkludierend); der Raum als Totalität oder Globalität. Dementsprechend – so argumentiert Lefebvre – kann man diesen Raum auch nicht nur analytisch untersuchen; „vielmehr muss man ihn durch die und in der theoretischen Erkenntnis erst hervorbringen“[7].

Lefebvre streicht hier also die Reproduktionskapazität theoretischer Erkenntnis für die Entstehung/Gestaltung von Raum hervor; er gesteht ihr nicht nur deskriptive, sondern eindeutig konstituierende Fähigkeiten zu. Somit argumentiert er natürlich auch ganz im Sinne einer Historizität des faktischen Raumes.

Einschränkend gilt natürlich zu sagen, dass Raum nie von „menschlicher Hand“ in vollständiger Kenntnis der Ursachen, der Folgen, der Gründe produziert wird oder werden kann; zu Zeiten antiker Sklavenhalterei genauso wenig wie heute von technokratischen Raumplanern oder -programmierern. Einzelne Disziplinen versuchen die Produktion von Raum also zu erklären (Ökologen untersuchen das Ökosystem, Historiker den Wandel der Stellung von Städten, etc.); aber: es gilt – so wird dem Leser des vorliegenden Textes nahe gelegt – „über solche Ansätze hinauszukommen“[8].

Und zu diesem Zwecke – Lefebvre verfolgt nach wie vor den Argumentationsstrang der dritten Implikation – müssen an dieser Stelle einige bereits zuvor behandelte Begriffe geschärft werden:

  • räumliche Praxis … setzt Raum und setzt ihn dennoch schon voraus. Sie beherrscht Raum, eignet sich ihn an und produziert ihn somit allmählich aber kontinuierlich.
  • Raumrepräsentationen … (also der konzipierte Raum[9]) sind der in einer Gesellschaft dominierende Raum. „Die Raumkonzeptionen tendieren […] zu einem System verbaler, also verstandesmäßig geformter Zeichen“[10].
  • Repräsentationsräume … (also der gelebte Raum) ist jener Raum, der durch Bilder und Symbole vermittelt wird, und zwar von jenen, die glauben ihn nur zu beschreiben (Schriftsteller, Philosophen, etc.). „Er legt sich über den physischen Raum und benutzt seine Objekte symbolisch“[11].

 Lefebvre geht im Folgenden auf die dialektische Beziehung zwischen diesen drei Komponenten Wahrgenommenes, Konzipiertes und Gelebtes ein, und kündigt schon im Vorhinein an, dass so unübersehbar Widersprüche aufgrund des langen Prozesses der Verselbstständigung des Raum als Wirklichkeit hervortreten werden. Zur Erklärung der Dreiheit zieht er das Subjekt heran, das Teil einer Gesellschaft ist und ein Verhältnis zu seinem eigenen Körper impliziert. Soziale Praxis setzt den Einsatz des Körpers voraus; dieser Gebrauch von Händen und der Sinnesorgane ist das Wahrgenommene.

Die Körperrepräsentationen kommen von erworbenen wissenschaftlichen Kenntnissen, deren Verbreitung nicht ohne ideologische Unterwanderung geschieht.

Bleibt letztendlich das Gelebte, dessen Einbettung in eine Kultur für einen enorm hohen Grad an Komplexität verantwortlich zeichnet[12].

Das Subjekt – als Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe! – verbindet diese einzelnen Komponenten zu einer Dreiheit durch seine Fähigkeit, von einer zur nächsten zu gelangen, ohne dabei die Orientierung zu verlieren. Dennoch stellt sich dabei die Frage, ob sie eine kohärente Einheit bilden. Lefebvre glaubt an eine derartige Kohärenz als erreichbares(!) Ideal; die Verwirklichung dieses Ideals – unter günstigen Umständen – erkennt er beispielsweise in Form und Ausformung der westeuropäischen Stadt vor der italienischen Renaissance bis zum 19. Jahrhundert (städtebauliche Dominanz der Raumrepräsentation, die sich dem – religiös geprägten – Repräsentationsraum unterordnete; die Raumrepräsentation wurde von Malern, Architekten und Denkern aus einer sozialen Praxis heraus geschaffen, und wurde in die städtebauliche Praxis eingebracht).

Und so kommt Lefebvre – nach ausführlichem Nachvollziehen der drei Implikationen – letzte Endes zu einem Fazit und der Zusammenfassung seiner dabei entwickelten Theorie, betont jedoch dass diese hier noch nicht abgeschlossen werden könne: „’Raumrepräsentationen’ sind […] von einem stets relativen und sich verändernden Wissen (einer Mischung aus Erkenntnis und Ideologie) durchdrungen. Sie sind also objektiv und dennoch korrigierbar“[13]. Sie bilden einen Teil der sozialen und politischen Praxis. Die Beziehung zwischen den Objekten und den Menschen im repräsentierten Raum gehorchen einer gewissen Logik, die jedoch früher oder später aufgrund gewisser Inkohärenz nicht mehr aufrechterhalten wird.

„Repräsentationsräume“ entspringen einer gesellschaftlichen und/oder individuellen Geschichte, sind von Imaginärem und Symbolismus durchdrungen und müssen dementsprechend keinerlei Kohärenz entsprechen. Der Repräsentationsraum wird erlebt und besitzt ein affektives Zentrum und impliziert unmittelbar die Zeit (weil er früher erlebte Situationen mit einbezieht). Somit ist er relational und vom Wesen her qualitativ.

Schlussfolgernd argumentiert Lefebvre, dass eine weitere Schärfung dieser Unterscheidungen der Blick auf Geschichte grundlegend verändern würde/müsste. Man müsste die Entstehung der Räume, ihre Verbindungen, ihre Bezüge zur gesellschaftlichen Praxis, etc. beachten.



[1] Lefebvre, Henri (1974); Die Produktion des Raums, in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan (Hrsg.); Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften; Suhrkamp Taschenbuch Verlag; Frankfurt am Main, 2006; S. 330.

[2] Ebenda, S. 331

[3] Ebenda, S. 331

[4] Ebenda, S. 332

[5] Lefebvre kommt ganz bewusst zu einem späteren Zeitpunkt auf eine Schärfung und Erläuterung dieser drei Komponenten zurück.

[6] Ebenda, S. 333

[7] Ebenda, S. 334

[8] Ebenda, S. 335

[9] Ebenda, S. 336

[10] Ebenda, S. 336

[11] Ebenda, S. 336

[12] Lefebvre verweist in diesem Zusammenhang auf die Erkenntnis- und Erklärungskapazität von Psychoanalyse und Co bezüglich der Ambivalenz zwischen Gelebtem und Gedachtem/Wahrgenommenem.

[13] Ebenda, S. 339

  • Die folgende Auseinandersetzung mit des Autor’s Auseinandersetzung erfolgt relativ „häppchenweise“. Und erneut liegt der Grund ganz einfach in dem anders gelagerten Forschungsinteresse, der anders begründeten Herangehensweise