Certeau, Michel de (1980); „Praktiken im Raum“

Gleich zu Beginn des vorliegenden Textextrakts aus Michel de Certeau’s Kunst des Handelns[1] stellt er die Frage, ob das Ende der durchkonzipierten Stadt ein Abbild der verfallenden Ratio nicht nur der Städteplaner, sondern der gesamten städtischen Bevölkerung ist!? Das impliziert natürlich die Annahme des gleichzeitigen (oder vorangehenden) Verfalls der diese Städte organisierenden Prozeduren.

Um diesen Überlegungen auf den Grund zu gehen, plädiert Certeau für eine genaue Untersuchung dieser Praktiken, die sich immer mehr miteinander verbunden haben, in den Alltag der Menschen eingesickert sind, und so zunehmend von „den heute kopflosen Dispositiven und Diskursen der überwachenden Organisationen verborgen werden“[2].

Diese Herangehensweise wäre einerseits eine Möglichkeit, Foucault’s Analyse der Machtstrukturen fortzusetzen, oder aber ihr ein Gegenstück gegenüber zu stellen. Im Mittelpunkt stand bei ihm das Verhältnis zwischen den Prozeduren und dem Raum, je nach analysierter „Disziplin“ (Lehre, Gesundheitswesen, Justiz, Armee, etc.). „Aber welche Umgangsweise mit dem Raum (practiques de l’espace) entsprechen diesen einen disziplinären Raum erzeugenden Apparaten […]?“[3]. Erhöhte Relevanz erhält diese Frage bei Certeau aufgrund der Annahme, dass diese Raumpraktiken gesellschaftliches Leben, oder zumindest dessen Bedingungen, determinieren.

Certeau erhofft sich aus der Betrachtung dieser Praktiken „zu einer Theorie der Alltagspraktiken, des Erfahrungsraumes und der unheimlichen Vertrautheit mit der Stadt“[4] zu kommen.

Grundsätzlich unterscheidet Certeau zwischen Raum und Ort; Letzteres bezeichnet die Ordnung der Beziehungs- und Koexistenzverhältnisse der Elemente. Damit können zwei Dinge nie an derselben Stelle sein. „Ein Ort ist also eine momentane Konstellation von festen Punkten. Er enthält einen Hinweis auf eine mögliche Stabilität. […] Ein Raum [hingegen] entsteht, wenn man Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und die Variabilität der Zeit in Verbindung bringt“[5]. Er ist also ein Geflecht von Elementen, die sich bewegen, und deren Bewegung in ihrer Gesamtheit ihn erfüllen. Diese Aktivitäten geben ihm eine Richtung, eine Zeit; dadurch funktioniert er erst als eine Einheit von aufeinander abgestimmten Konfliktprogrammen. Im Gegensatz zum Ort fehlen dem Raum also Eindeutigkeit, Stabilität und etwas „Eigenes“.

In Bezug auf Alltagspraktiken, die ja reine Artikulationen menschlicher Raumerfahrung sind, führt Certeau  den Grundsatz zwischen Ort und Raum auf zweierlei Bestimmungen zurück: auf die Objekte (die durch ihre pure tote Anwesenheit einen Ort begründen; zumindest im Abendland) und andererseits auf die Handlungen, „die ‚Räume’ durch die Aktionen von historischen Subjekten abstecken“[6]. Damit weist Certeau ganz eindeutig auf die Geschichtlichkeit von Räumen hin.

Allerdings werden Orte sehr wohl durch Erzählungen ständig zu Räumen gemacht und vice versa.

Und daran anschließend funktioniert auch das Erleben und die Beschreibung von Orten und Räumen; entweder man sieht, erkennt also eine Ordnung der Orte, oder man geht, was einen Ort u einem Raum macht. Orte beschreibt man also als Bild, als statische Anordnung von Objekten; oder aber man beschreibt einen Raum anhand von Richtung(sänderung)en, Vektoren, anhand des Bewegens durch diesen. Natürlich können diese beiden Arten der Erzählung überlappen.

Allerdings glaubt Certeau eine zunehmende Dominanz der Anlehnung an Bewegungen, an Handlungen seit „Geburt des modernen wissenschaftlichen Diskurses“[7] zu erkennen. Karten dienen vermehrt anhand der Verläufe von Wegstrecken, unter der Erwähnung zeitlich definierbarer Etappen und der Entfernungsangabe in Tagen und Stunden vorderhand als Orientierung, dem zugrunde liegend jedoch als Erzählung von bereits gemachten Erfahrungen. Diese Angaben sind Memoranden, die Handlungen vorschreiben; sie enthalten Praktiken, die den Raum gliedern und schreiben diese fort.

Allerdings verbergen moderne Karten diese Implikationen immer öfter; Deskriptoren von Wegstrecken sind verschwunden. Erfahrungen und Beobachtungen des Raums, die einmal gemacht wurden, werden jetzt vorausgesetzt, um so den aktuellen Stand der Geographie darzustellen. „Die in den Erzählungen erkennbare Organisation des Raumes der Alltagskultur wird also durch eine Arbeit auf den Kopf gestellt, die ein System von geographischen Orten herausgelöst hat“[8].

Karten zeichnen sich nun einmal dadurch aus, Schaubilder mit lesbaren Resultaten zu bilden, während Erzählungen von Raum jene Aktivitäten hervor heben, „die es erlauben, den Raum an einem aufgezwungenen und nicht ‚eigenen’ Ort trotzdem zu ‚verändern’“[9].

Alltagserzählungen berichten trotz alledem ganz einfach, was man in Räumen und mit Räumen machen kann; „Auf diese Weise wird der Raum gestaltet“[10].



[1] Certeau, Michel de; Kunst des Handelns; aus dem Französischen von Ronald Voullié, Berlin: Merve 1988

[2] Ebenda, S. 344

[3] Ebenda, S. 344

[4] Ebenda, S. 344

[5] Ebenda, S. 345

[6] Ebenda, S. 346

[7] Ebenda, S. 349

[8] Ebenda, S. 351

[9] Ebenda, S. 351

[10] Ebenda, S. 352