Weichhart, Peter (1999); „Die Räume zwischen den Welten und die Welt der Räume“

 

Eingedenk dessen, „wie sehr wir in unserer Auseinandersetzung mit der Realität […] von unseren kognitiven Konstrukten und unserer Sprache bestimmt werden“[1], geht der Autor Peter Weichhart im vorliegenden Artikel auf die Konzeption eines, wenn nicht des(!) Schlüsselbegriffes der Geographie ein; Raum. Er tut diesen Schritt primär aus der Sicht eines Geographen, bereitet die relevanten Ansätze jedoch sehr disziplinenübergreifend anschlussfähig und für Vertreter (anderer) Sozialwissenschaften nicht nur verständlich sondern auch nutzbar auf.

 

Grundlage seiner hier dargelegten Überlegungen ist die Einbettung in den Kontext des diesen Artikel beherbergenden Sammelbandes zur handlungsorientierten Sozialgeographie Benno Werlens’. Werlen ist jener Vertreter der Human- und/oder Sozialgeographie, der das Projekt der subjektzentrierten Handlungstheorie als konzeptionelle und methodische Grundlage für seine Disziplin am weitesten vorantrieb. Werlen fordert eine grundlegende Umorientierung des geographischen Tatsachenblicks. Seine Sozialgeographie der alltäglichen Regionalisierungen soll eine Neuformulierung des Raumbegriffes ermöglichen bzw. anbieten.

 

In der geographiewissenschaftlichen Sekundärliteratur wird in diesem Zusammenhang oft vom Raum-Exorzismus gesprochen. Weichhart verweist diesbezüglich auf Zierhofer, der die Verfechter dieses Anspruchs in zwei Ausprägungen, eine starke und eine schwache Form, aufteilt. Proponenten letzterer verlangen „lediglich“, „bei der Darstellung und Analyse sozialweltlicher Phänomene die klassische Raum-Semantik durch eine geeignete Redeweise zu ersetzen“[2], also ein Überdenken der Begrifflichkeiten. Soziale und kulturelle Gegebenheiten sollen anhand von sozialwissenschaftlichen Begriffen erfasst werden. Werlen lässt sich in diese Gruppe einordnen, da er die Relevanz der Bedeutung räumlicher Aspekte von Handlungskontexten für die Gesellschaft klar erkennen lässt und ausdrücklich betont.

 

Bevor Weichhart auf die in der aktuellen wissenschaftlichen Debatte zur Verfügung stehenden Raumkonzeptionen eingeht, stellt er einige ontologische Vorüberlegungen an, die ihm in der vorliegenden methodologischen Beschäftigung als unerlässlich erscheinen.

 

Die klassischen geographischen Konzepte von Räumen und Regionen hatten vorderhand die zentrale Funktion, eine substantialistische Brücke zwischen Natur und Kultur zu schlagen, und diese Verbindung zu formulieren. Räume wurden dementsprechend als Substanz, als reale Dinge aufgefasst. Das Konstitutionsprinzip dieser greifbaren Räume war der jeweilige sinnlich wahrnehmbare Wirkungszusammenhang verschiedener Geofaktoren.

 

Doch sehr bald regte sich erste Kritik an dieser Art von Konzeption. Es kam – in den 1940ern, 50ern und 60ern – zu einem Frontalangriff auf die klassische Methodologie; einige Geographen machten sich daran, den vorherrschenden Raumfetischismus durch die oben erwähnte harte Form des Raumexorzismus auszutreiben. Sie kritisierten, dass der alte Landschaftsbegriff – inhaltlich kaum verändert – einfach durch die Begriffe Raum und Region ersetzt werden sollte. Es entwickelte sich ein disziplineninterner Diskurs rund um die Ent-Räumlichung der Geographie.

 

Was in jedem Fall ganz offensichtlich aus der Debatte herauszulesen ist, ist ein „’großer Bedarf’ nach einer ontologischen Unterscheidung zwischen (subjektivem) Sinn, Materie und Sozialem“[3]. Die primäre Intention der meisten Vertreter jeglicher Form von Raumexorzismus ist also gar nicht der Raum als solcher, sondern das Verlangen, jedwede Möglichkeit deterministischer Annahmen zwischen diesen drei Welten vorwegzunehmen. Weichhart argumentiert mit Popper, wenn er dieses Verlangen mit dem menschlichen Interesse an möglichen Auswirkungen von Ideen, Plänen, Theorien, Absichten, etc. auf die physikalische Welt erklärt. Die Geographie stellt sich also die Frage, wie „man zu einer indeterministischen Behandlung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen ‚Sinn und Materie’ gelangen“[4] kann. 

 

Geht man davon aus, dass materielle Dinge mehr als nur Zeichen sind, dass sie strukturelle, funktionelle und physiologische Qualitäten besitzen, die sich einer exklusiv semantischen Analyse entziehen, muss der Sozialwissenschaftler (wie jeder andere) eingestehen, dass wir es ganz einfach gewohnt sind, je verschiedene Sprachen für die Beschreibung der jeweiligen „Bewohner“ der drei Welten zu verwenden. Diese Differenz erschwert das Verständnis betreffend die Verbindungen zwischen diesen natürlich um ein Vielfaches.

 

(Nicht nur) für eine individuumszentrierte Sozialgeographie[5] macht es augenscheinlich Sinn, von der Annahme einer durchgängigen Realität auszugehen, sprich die angesprochenen drei Ebenen zwar analytisch weiterhin voneinander zu trennen, sie jedoch „nicht als unterschiedliche Existenzweise, sondern als ‚unterschiedliche Erscheinungs- oder Organisationsform derselben Realität’“ zu interpretieren. 

 

Weichhart erachtet es als unbedingt erforderlich, methodische Instrumente zur Verfügung zu stellen, die eine Lokalisation materieller und hybrider Phänomene (da beispielsweise sehr vielen Handlungsakten Elemente der Welt 1 – also Mittel, materiale Grundlagen, Werkzeuge, o.ä. – zugrunde liegen) ermöglichen. Der Schluss daraus verrät also seine Überzeugung, dass eine handlungstheoretisch konzipierte Geographie nicht auf Raumkonzepte verzichten wird dürfen. 

 

 

 

Raumkonzepte

 

An diesem Punkt beginnt der Autor eine „Inventur“ des raumkonzeptionellen Bestandes der Geographie. Am Ende seiner Erläuterungen werden es sechs Bedeutungszuschreibungen zum Raumbegriff sein, denen er jeweils verschiedene Relevanz für die Sozialwissenschaften und/oder die Geographie einräumt.

 

Raum 1: Die erste Bedeutung des Wortes Raum bezieht sich auf die – für Nicht-Geographen vielleicht klassische geographische – Funktion, einen Teilbereich der Erdoberfläche begrifflich abzustecken; im Sinne eines Erdraumausschnitts. Weichhart betont, „dass dieses Raumkonzept immer dann völlig problemlos eingesetzt werden kann, wenn damit tatsächlich nicht mehr gemeint ist als ein Art flächenbezogener Adressenangabe, und die Abgrenzung rein pragmatisch erfolgt“[6]. Die Erweiterung dieses Konzepts durch jegliche zusätzliche Inhaltskomponente stellt allerdings ein nicht zu unterschätzendes Problem dar.

 

Raum 2: In der Erläuterung der zweiten Bedeutung von Raum bedient sich der Autor bei dem – uns bereits bekannten – Containerraum von Newton. In dieses dreidimensionale Behältnis ist alles Materielle eingebettet; nimmt man es heraus, bleibt der Raum über. Er existiert also unabhängig von seiner dinglich-materiellen Füllung. Objekte und Ereignisse, die in diesem unbegrenzten Raum vorkommen, zeichnen sich durch eine relative Position und Richtung aus.

 

Raum 3: Benutzer der dritten Bedeutungsvariante denken Raum als etwas durch immaterielle Relationen und Beziehungen Konstituiertes. Raum nimmt dabei eine ordnende Rolle ein, bietet „eine logische Struktur [an], innerhalb derer die gegebenen Elemente gedanklich eingepasst oder verortet werden“[7]. Im Gegensatz zu den ersten beiden Bedeutungen, fehlt dem hier vorliegenden Konzept die Gegenständlichkeit. Als Ordnungsraster wird diese Art von Raum vom jeweiligen Betrachter über die vorfindbare Realität gelegt. So kann er das, was er wahrnimmt durch Ordnungen, Hierarchien, Raster in eine geordnete Struktur bringen.

 

Raum 4: Die vierte Bedeutungsvariante streicht der Autor zwar gesondert hervor, gesteht aber ein, dass sie durchaus ein Teilelement der vorhergehenden (Raum 3) darstellt. Sie geht zurück auf Leibniz, dessen Raum des Koexistierenden ebenfalls ohne die Vorstellung eines leeren Raums (siehe Raum 2) auskommt; er wird vielmehr konstituiert durch die existierenden Lagebeziehungen zwischen den Dingen und Körpern. „Dadurch, dass materielle Dinge eine bestimmte Konfiguriertheit aufweisen, zueinander in bestimmten Lagerelationen stehen, benachbart, getrennt oder miteinander verbunden sind, kann so etwas wie ein funktionaler oder dynamischer Systemzusammenhang entstehen, der ohne diese spezifische Lagerungsqualität nicht eintreten würde“[8]. Weichhart plädiert dafür, diese Anschauung des Raumes durch den sprachlich korrekteren Begriff der Räumlichkeit zu ersetzen.

 

Raum 1e: Eine weitere Verwendungsweise des Wortes Raum bezieht sich auf den erlebten Raum. Es geht dabei um einen subjektiv wahrgenommenen Ausschnitt des Erdraums (deswegen auch die an Raum 1 ankoppelnde Nummerierung), der allerdings – in Gegensatz zu Raum 1 – inhaltlich aufgefüllt, mit subjektivem Sinn und subjektiver Bedeutung (gruppen- und kulturspezifische Werturteile, Zuschreibungen, o.ä.) aufgeladen wird. „Der erlebte Raum erscheint dem Menschen als der Inbegriff faktischer Realität, er repräsentiert gleichsam die integrale ‚Wirklichkeit’ der Außenwelt, der wir in unserer individuellen Existenz gegenüberstehen“[9]. Diese räumlich strukturierte Erlebnisgesamtheit, dieses kognitive Konstrukt repräsentiert und formuliert ein Gefüge von Meinungen und Zuschreibungen über einen Raum 1. Es handelt sich dabei also immer um ein selektives, verzerrtes, interpretiertes Bild der Realität. Diese Umdeutung von Beziehungen zwischen Dingen und Körpern zu einem Substanzbegriff bezeichnet man als Hypostasierung. Natürlich stellen derartige Räume oft eine Projektionsfläche für Identitäten o.ä. dar.

 

Diese spezifische, subjektiv gefärbte Interpretation der Realität wird in den alltäglichen Handlungsvollzügen der Individuen von ihnen dazu verwendet, „die jeweils vorfindbare Relationalität der Sach- und Sozialstrukturen ordnend zusammenzufassen und damit auch die Komplexität der Wirklichkeit zu verringern[10].

 

Raum 5: Die letzte Bedeutungsvariante erläutert Weichhart nur der Vollständigkeit halber – weswegen auch an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen wird; es handelt sich um jene epistemologische Konzeption von Immanuel Kant, deren Raum eine Form der Anschauung zur Organisation von Wahrnehmungsinhalten ist.

 

Neben dem durchaus als fatal zu bezeichnenden Versäumnis der Geographie, sich zwar auf ihren ureigensten Forschungsgegenstand Raum einstimmig als den(!) zentralen Untersuchungsgegenstand einigen zu können, für diesen aber keine kontinuierliche Definition oder zumindest Kategorisierung anzubieten, verortet Weichhart zwei weitere fundamentale Probleme für die Beschäftigung seiner Wissenschaft mit dem vorliegenden Begriff. Er glaubt, im Großen und Ganzen zwei schwerwiegende Verwechslungen im geographischen Forschungsprozess ausgemacht zu haben.

 

Das erste Missverständnis bezieht sich auf die Hochstilisierung der „Weltperspektive, die als kulturelles Deutungsmuster hinter dem erlebten Raum steht […] zu einem wissenschaftlichen Erkenntnisprinzip“[11]. Die Kritik meint das unreflektierte Übernehmen jener alltagsweltlichen Hypostasierungsprozesse, die den erlebten Raum begründen, durch die Geographie. Es kam zu einer Projektion und anschließenden Vergegenständlichung von erlebten Räumen in und auf Erdraumausschnitte. War diese geographie-wissenschaftliche Fehlleistung zwischenzeitlich auf dem Weg ausgebessert zu werden, kam es überraschenderweise bald zu einer Art Gegenbewegung zur Gegenbewegung. Diese (Rück-)Verirrung wurde in jedem Fall durch das Entdecken und anschließende Bearbeiten der Räumlichkeit sozialer Phänomene durch benachbarte Disziplinen, die den bereits gemachten Erfahrungen keine Beachtung schenkten, forciert.

 

Die zweite Falscheinschätzung erkennt Weichhart überwiegend bei Untersuchungen zur Räumlichkeit von Wirtschafts- und Sozialstrukturen, die also eindeutig auf die hier als Raum 4 bezifferte Räumlichkeit fokussieren. Geographen erliegen in diesem Zusammenhang oft der Versuchung, die für ihre Untersuchungen relevanten Lagerungsqualitäten und Lagebeziehungen zwischen bestimmten Dingen anhand von Karten oder anderen Modellen zu visualisieren. Die immanente Gefahr dieser Vorgehensweise bedroht die Wissenschaftlichkeit in Form von Verdinglichung, Personifizierung und Hypostasierung. Hinzu kommt der immer präsente Verweis auf Erdraumausschnitte, in denen die betroffenen Phänomene beobachtet wurden. Die fehlende Abgrenzung einer relationalen Konzeption von Räumlichkeit und die Projektion auf einen spezifischen Erdraumausschnitt resultieren in einer völlig unzureichenden weil verkürzten Anschauung und vor allem Darstellung. „Wir sagen ‚Raum’ […] und meinen damit zusätzlich zur ‚Adressenangabe’ eine jeweils spezifische Konstellation der Lagerelation von Dingen.“[12] Die Relationalität wird dabei – weil zu komplex – einfach in einen Substanzbegriff umgedeutet, die Raum-Metapher kurzerhand personifiziert. Übrig bleibt eine oberflächliche Darstellung, ohne Fähigkeit, die vorhandene Komplexität zu formulieren.

 

  

 

Relevanz und Anwendbarkeit

 

Schon inmitten der Erläuterungen der angebotenen Raumkonzepte verweist der Autor immer wieder auf deren Gemeinsamkeiten, Unterschiede und jeweils spezifische Relevanz. Diese – im vorliegenden Überblick bisher ausgesparten – Argumente und Hinweise sollen an dieser Stelle den Gedanken über die Kompatibilität bezüglich einer handlungstheoretischen Sozialgeographie vorangestellt werden.

 

So haben die ersten besprochenen Raumkonzeptionen Raum 1 und Raum 2 gemein, dass für sie Raum etwas real Existierendes, ein Element der physisch-materiellen Wirklichkeit ist. Beide kommen somit auch in verschiedenen anderen Wissenschaften als nur der Geographie zum Zug.

 

Doch zu welchem Zwecke werden welche Bedeutungen von Raum von wem wie verwendet? Auch dieser diskurszentrierten Fragestellung weicht Weichhart nicht gänzlich aus, gibt zumindest einige diesbezüglich in Betracht zu ziehende Denkanstöße für Raum 1, Raum 2, Raum 3 und Raum 4. Verwendet ein Sprecher den Raumbegriff im Sinne von Raum 1, so kann sein Interesse jeglicher Form von Phänomenen auf der Erdoberfläche gelten. Aber nicht nur als gedankliche Struktur für empirische Wissenschaften, natürlich auch in der außerwissenschaftlichen lebensweltlichen Realität ist diese Verwendung von Raum von Bedeutung.

 

Trotz der zuvor genannten Gemeinsamkeit, befindet sich Raum 2 in einer völlig anderen Situation und hat eine völlig andere Funktion als Raum 1. Er wird in der Geographie dazu verwendet, „eigenständige ‚Raumgesetzlichkeiten’ postulieren zu können“[13].

 

Das wohl umfassendste Konzept von Raum ist die Bedeutung im Sinne von Raum 3. Sobald Mensch denkt, sobald Mensch Unterscheidungen macht, bei jeglicher Art von kognitiver Operation ist er präsent; er ist überhaupt die Voraussetzung, die Unterscheidung ermöglicht. Folglich arbeitet jede Wissenschaft mit diesem Konzept.

 

Raum 4 gesteht Weichhart eine besondere Bedeutung für die Geographie zu; gemeint wird er allerdings sowohl wenn Fußballtrainer, Theaterregisseure, Architekten oder Raumplaner, als eben auch wenn Geographen und viele andere das Wort Raum in den Mund nehmen. Es geht – wie oben bereits erläutert – um funktionale Relationen zwischen physisch-materialen, realen Elementen der Erdoberfläche. Diese Problematisierung „der Räumlichkeit der Ding- und Körperwelt kennzeichnet […] ein zentrales Erkenntnisinteresse der Geographie“[14]. Sobald auf materielle Aspekte sozialer Phänomene Bezug genommen wird, greift die Sozialwissenschaft auf dieses Konzept von Raum 4 zurück.

 

Doch welches der vorgestellten Raumkonzepte ist mit einer handlungsorientierten Sozialgeographie, mit einer subjektzentrierten Handlungstheorie kompatibel? Diese Frage stellt sich Weichhart in Anschluss an die vorangegangenen Erläuterungen zu den einzelnen Möglichkeiten. Er räumt ein, dass handlungstheoretische Projekte sozialwissenschaftlicher Forschung durchaus auch ohne Bezugnahme auf räumlich Aspekte zu den angestrebten Ergebnissen führen können. „Sobald aber auch die materiellen Grundlagen von Handlungen interessieren und die artefakte-weltlichen Bereiche des Sozialen in den Blickwinkel des Forschungsinteresse geraten, wird man auf einen sozialwissenschaftlich verträglichen Raumbegriff nicht verzichten können“[15]. Trotzdem bleibt die handlungstheoretische Herangehensweise forschungsleitend über Handlungskonzepte bestimmt, nicht über Raumkonzepte.

 

Weichhart erachtet vier der oben vorgestellten Konzepte von Raum als verwendbares Instrumentarium individuumszentrierter handlungstheoretischer Sozialgeographie. Raum 1 als einfaches Lokalisierungstool ist und bleibt in seiner Begrenztheit ein unproblematisch zu verwendendes. Raum 1e kann nicht ganz so „unbedacht“ eingesetzt werden; die Voraussetzung für dessen Verwendung ist das Bewusstsein, ihn als ein zentrales Element jeder Situationsdefinition anzunehmen. Raum 3 und „gleichsam die ‚Mutter aller Räume’“[16] gilt zwar als umfassendes Konzept zur Verwendung aller Wissenschaften, weist aber keine unmittelbar fachspezifische Relevanz vor.

 

„Als einziges Konzept, das eine handlungstheoretische Geographie mit guten Argumenten als fachspezifische ‚Nische’ im Wettbewerb der Sozialwissenschaften für sich reklamieren könnte, ist der Raum 4 anzusehen“[17]. Der Autor hebt in seinen finalen Überlegungen das Konzept von Räumlichkeit auf den Sockel des hervorragenden, neue Erkenntnisgewinne erzielenden und die Sozialgeographie im Rahmen des Raumdiskurses positionierenden sozialwissenschaftlichen Ansatzes. Die Geographie hatte schon immer einen enormen Stellenwert bezüglich der Berücksichtigung physisch-materieller Aspekte des Sozialen, und das zeichnet – so Weichhart – die Geographie aus. Andere Sozialwissenschaften erachtet er diesbezüglich als sachblind und ignorant gegenüber all dem, was hinter Raum 4 steht. Er besteht eben nicht nur aus Dingen; als Sozialwissenschaftler gilt es ebenso, jene ihn konstituierenden Akteure und sozialen Praxen mit ein zu beziehen.[18]

 

Räumlichkeit – so das Fazit – erlaubt es dem Sozialwissenschaftler, „bestimmte Aspekte oder Ausschnitte der erdräumlich lokalisierbaren Welt in spezifischen Handlungskontexten über subjektive und objektive Sinnzuschreibungen und die soziale Praxis als wesensinhärente Elemente des Sozialen“[19] zu deuten.

 

 

 

Kritik

 

Peter Weichhart, Professor für Humangeographie an der Universität Wien, versucht sich also im Rahmen des Konzepts der handlungsorientierten Sozialgeographie von Benno Werlen an einer Erläuterung und anschließend kurzen Evaluation von vorherrschenden Konzeptionen der wissenschaftlichen Diskussion rund um Raum. Er tut dies bestimmt und klar ersichtlich aus dem Blickwinkel „seiner“ Disziplin, der Geographie, und sucht nach einem Wegweiser für die Beschäftigung der Vertreter dieser Disziplin mit dem Raumbegriff. Sein Antrieb scheint vor allem die fehlende definitorische Schärfe der Geographiewissenschaft bzgl. dieses Begriffs zu sein. Aber, Weichharts Herangehensweise lässt mindestens ebenso klar seine sozialwissenschaftliche Orientierung und Auslegung von Geographie erkennen. Er betont die Verbindung zu anderen Sozialwissenschaften (inklusive dem Bemühen, Anschlussfähigkeit herzustellen) ganz bewusst, man kann beim Lesen des vorliegenden Textes seine Vorliebe für disziplinenübergreifendes, in alle Richtungen offenes Forschen geradezu heraushören. Er scheint wissenschaftliche Vielfalt ganz offensichtlich als Stärke zu schätzen, solange diese nicht in wissenschaftlicher Ungenauigkeit, im Falle der Geographie bemerkenswerterweise im Fehlen einer anwendbaren Definition oder zumindest Kategorisierung des(!) zentralen Forschungsgegenstandes, resultiert. Dementsprechend übt Weichhart auch Kritik an der Geographiewissenschaft, versucht allerdings, ihr eine helfende Hand auf ihrem Weg heraus aus dieser Misere zu reichen. Trotz aller Verweise und Empfehlungen in Richtung Geographie, muss lobenswerterweise nie die Anschlussfähigkeit an andere Disziplinen oder gar das Verständnis von Vertretern solcher darunter leiden.

 

Weichhart gelingt eine gute, klare Aufbereitung der zur Verfügung stehenden Konzepte, und er bietet etliche, wenn auch – wohl aufgrund des Umfanges des Artikels als Teil eines Sammelbandes – nur kurz angedeutete, Denkanstöße bzgl. der Anwendbarkeit von Raumkonzepten an. Die Selektion, die Auswahl eines Instrumentes fällt aber naturgemäß leichter, wenn man – wie in diesem Falle von Weichhart – den Werkzeugkoffer so eindrucksvoll prägnant geöffnet und dargelegt bekommt.

 

Die „Schwachstellen“ des vorliegenden Textes sind keine im herkömmlichen Sinne, stechen sie doch nur aus unserem disziplinen- und forschungsspezifischen Blickwinkel ins Auge.

 

Der Text „Die Räume zwischen den Welten und die Welt der Räume“ bietet einen bemerkenswert prägnanten Überblick über anwendbare Instrumentarium. Wir können uns – diesem Leitfaden folgend – leichter im Spektrum der vorhandenen Raumkonzeptionen zurechtfinden; was für uns sowohl betreffend die Betrachtung der Genealogie des Raumbegriffs bis hin zum gegenwärtigen „State of the Art“, als auch betreffend eine etwaige Analyse und Betrachtung des gegenwärtigen Diskurses rund um den Begriff Raum (wie auch immer diese auszusehen hat) eine Hilfestellung darstellen kann.

 

Klarerweise muss man den Text mit einer gewissen disziplinenimmanenten Distanz in Betracht ziehen, nicht weil wir einer disziplinenübergreifenden Herangehensweise – ähnlich jener von Peter Weichhart – skeptisch oder gar ablehnend gegenüberstünden, sondern weil wir uns ganz einfache andere Fragen zu stellen haben als dies Vertreter der Geographie tun.

 



[1] Weichhart, Peter; Die Räume zwischen den Welten und die Welt der Räume; in: Meusburger, Peter (Hrsg.); Handlungszentrierte Sozialgeographie. Benno Werlens Entwurf in kritischer Diskussion; Erdkundliches Wissen 130; Franz Steiner Verlag; Stuttgart, 1999, S. 67.

[2] Ebenda, S. 68

[3] Ebenda, S. 70

[4] Ebenda, S. 71

[5] Weichhart wehrt sich gegen die Verwendung einer systemtheoretischen Herangehensweise an soziale Systeme à la Luhmann, die das menschliche Subjekt ausblendet.

[6] Ebenda, S. 76

[7] Ebenda, S. 77

[8] Ebenda, S. 78

[9] Ebenda, S. 81

[10] Ebenda, S. 82

[11] Ebenda, S. 83

[12] Ebenda, S. 84

[13] Ebenda, S. 79

[14] Ebenda, S. 80

[15] Ebenda, S. 88

[16] Ebenda, S. 90

[17] Ebenda, S. 91

[18] Eine vollständige Kartierung fällt dementsprechend weg, da die – soziale Prozesse, u.ä. mitdominierende – Zeitkomponente das unmöglich macht.

[19] Ebenda, S. 92

 

Eingedenk dessen, „wie sehr wir in unserer Auseinandersetzung mit der Realität […] von unseren kognitiven Konstrukten und unserer Sprache bestimmt werden“[i], geht der Autor Peter Weichhart im vorliegenden Artikel auf die Konzeption eines, wenn nicht des(!) Schlüsselbegriffes der Geographie ein; Raum. Er tut diesen Schritt primär aus der Sicht eines Geographen, bereitet die relevanten Ansätze jedoch sehr disziplinenübergreifend anschlussfähig und für Vertreter (anderer) Sozialwissenschaften nicht nur verständlich sondern auch nutzbar auf.

Grundlage seiner hier dargelegten Überlegungen ist die Einbettung in den Kontext des diesen Artikel beherbergenden Sammelbandes zur handlungsorientierten Sozialgeographie Benno Werlens’. Werlen ist jener Vertreter der Human- und/oder Sozialgeographie, der das Projekt der subjektzentrierten Handlungstheorie als konzeptionelle und methodische Grundlage für seine Disziplin am weitesten vorantrieb. Werlen fordert eine grundlegende Umorientierung des geographischen Tatsachenblicks. Seine Sozialgeographie der alltäglichen Regionalisierungen soll eine Neuformulierung des Raumbegriffes ermöglichen bzw. anbieten.

In der geographiewissenschaftlichen Sekundärliteratur wird in diesem Zusammenhang oft vom Raum-Exorzismus gesprochen. Weichhart verweist diesbezüglich auf Zierhofer, der die Verfechter dieses Anspruchs in zwei Ausprägungen, eine starke und eine schwache Form, aufteilt. Proponenten letzterer verlangen „lediglich“, „bei der Darstellung und Analyse sozialweltlicher Phänomene die klassische Raum-Semantik durch eine geeignete Redeweise zu ersetzen“[ii], also ein Überdenken der Begrifflichkeiten. Soziale und kulturelle Gegebenheiten sollen anhand von sozialwissenschaftlichen Begriffen erfasst werden. Werlen lässt sich in diese Gruppe einordnen, da er die Relevanz der Bedeutung räumlicher Aspekte von Handlungskontexten für die Gesellschaft klar erkennen lässt und ausdrücklich betont.

Bevor Weichhart auf die in der aktuellen wissenschaftlichen Debatte zur Verfügung stehenden Raumkonzeptionen eingeht, stellt er einige ontologische Vorüberlegungen an, die ihm in der vorliegenden methodologischen Beschäftigung als unerlässlich erscheinen.

Die klassischen geographischen Konzepte von Räumen und Regionen hatten vorderhand die zentrale Funktion, eine substantialistische Brücke zwischen Natur und Kultur zu schlagen, und diese Verbindung zu formulieren. Räume wurden dementsprechend als Substanz, als reale Dinge aufgefasst. Das Konstitutionsprinzip dieser greifbaren Räume war der jeweilige sinnlich wahrnehmbare Wirkungszusammenhang verschiedener Geofaktoren.

Doch sehr bald regte sich erste Kritik an dieser Art von Konzeption. Es kam – in den 1940ern, 50ern und 60ern – zu einem Frontalangriff auf die klassische Methodologie; einige Geographen machten sich daran, den vorherrschenden Raumfetischismus durch die oben erwähnte harte Form des Raumexorzismus auszutreiben. Sie kritisierten, dass der alte Landschaftsbegriff – inhaltlich kaum verändert – einfach durch die Begriffe Raum und Region ersetzt werden sollte. Es entwickelte sich ein disziplineninterner Diskurs rund um die Ent-Räumlichung der Geographie.

Was in jedem Fall ganz offensichtlich aus der Debatte herauszulesen ist, ist ein „’großer Bedarf’ nach einer ontologischen Unterscheidung zwischen (subjektivem) Sinn, Materie und Sozialem“[iii]. Die primäre Intention der meisten Vertreter jeglicher Form von Raumexorzismus ist also gar nicht der Raum als solcher, sondern das Verlangen, jedwede Möglichkeit deterministischer Annahmen zwischen diesen drei Welten vorwegzunehmen. Weichhart argumentiert mit Popper, wenn er dieses Verlangen mit dem menschlichen Interesse an möglichen Auswirkungen von Ideen, Plänen, Theorien, Absichten, etc. auf die physikalische Welt erklärt. Die Geographie stellt sich also die Frage, wie „man zu einer indeterministischen Behandlung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen ‚Sinn und Materie’ gelangen“[iv] kann. 

Geht man davon aus, dass materielle Dinge mehr als nur Zeichen sind, dass sie strukturelle, funktionelle und physiologische Qualitäten besitzen, die sich einer exklusiv semantischen Analyse entziehen, muss der Sozialwissenschaftler (wie jeder andere) eingestehen, dass wir es ganz einfach gewohnt sind, je verschiedene Sprachen für die Beschreibung der jeweiligen „Bewohner“ der drei Welten zu verwenden. Diese Differenz erschwert das Verständnis betreffend die Verbindungen zwischen diesen natürlich um ein Vielfaches.

(Nicht nur) für eine individuumszentrierte Sozialgeographie[v] macht es augenscheinlich Sinn, von der Annahme einer durchgängigen Realität auszugehen, sprich die angesprochenen drei Ebenen zwar analytisch weiterhin voneinander zu trennen, sie jedoch „nicht als unterschiedliche Existenzweise, sondern als ‚unterschiedliche Erscheinungs- oder Organisationsform derselben Realität’“ zu interpretieren. 

Weichhart erachtet es als unbedingt erforderlich, methodische Instrumente zur Verfügung zu stellen, die eine Lokalisation materieller und hybrider Phänomene (da beispielsweise sehr vielen Handlungsakten Elemente der Welt 1 – also Mittel, materiale Grundlagen, Werkzeuge, o.ä. – zugrunde liegen) ermöglichen. Der Schluss daraus verrät also seine Überzeugung, dass eine handlungstheoretisch konzipierte Geographie nicht auf Raumkonzepte verzichten wird dürfen. 

 

Raumkonzepte

An diesem Punkt beginnt der Autor eine „Inventur“ des raumkonzeptionellen Bestandes der Geographie. Am Ende seiner Erläuterungen werden es sechs Bedeutungszuschreibungen zum Raumbegriff sein, denen er jeweils verschiedene Relevanz für die Sozialwissenschaften und/oder die Geographie einräumt.

Raum 1: Die erste Bedeutung des Wortes Raum bezieht sich auf die – für Nicht-Geographen vielleicht klassische geographische – Funktion, einen Teilbereich der Erdoberfläche begrifflich abzustecken; im Sinne eines Erdraumausschnitts. Weichhart betont, „dass dieses Raumkonzept immer dann völlig problemlos eingesetzt werden kann, wenn damit tatsächlich nicht mehr gemeint ist als ein Art flächenbezogener Adressenangabe, und die Abgrenzung rein pragmatisch erfolgt“[vi]. Die Erweiterung dieses Konzepts durch jegliche zusätzliche Inhaltskomponente stellt allerdings ein nicht zu unterschätzendes Problem dar.

Raum 2: In der Erläuterung der zweiten Bedeutung von Raum bedient sich der Autor bei dem – uns bereits bekannten – Containerraum von Newton. In dieses dreidimensionale Behältnis ist alles Materielle eingebettet; nimmt man es heraus, bleibt der Raum über. Er existiert also unabhängig von seiner dinglich-materiellen Füllung. Objekte und Ereignisse, die in diesem unbegrenzten Raum vorkommen, zeichnen sich durch eine relative Position und Richtung aus.

Raum 3: Benutzer der dritten Bedeutungsvariante denken Raum als etwas durch immaterielle Relationen und Beziehungen Konstituiertes. Raum nimmt dabei eine ordnende Rolle ein, bietet „eine logische Struktur [an], innerhalb derer die gegebenen Elemente gedanklich eingepasst oder verortet werden“[vii]. Im Gegensatz zu den ersten beiden Bedeutungen, fehlt dem hier vorliegenden Konzept die Gegenständlichkeit. Als Ordnungsraster wird diese Art von Raum vom jeweiligen Betrachter über die vorfindbare Realität gelegt. So kann er das, was er wahrnimmt durch Ordnungen, Hierarchien, Raster in eine geordnete Struktur bringen.

Raum 4: Die vierte Bedeutungsvariante streicht der Autor zwar gesondert hervor, gesteht aber ein, dass sie durchaus ein Teilelement der vorhergehenden (Raum 3) darstellt. Sie geht zurück auf Leibniz, dessen Raum des Koexistierenden ebenfalls ohne die Vorstellung eines leeren Raums (siehe Raum 2) auskommt; er wird vielmehr konstituiert durch die existierenden Lagebeziehungen zwischen den Dingen und Körpern. „Dadurch, dass materielle Dinge eine bestimmte Konfiguriertheit aufweisen, zueinander in bestimmten Lagerelationen stehen, benachbart, getrennt oder miteinander verbunden sind, kann so etwas wie ein funktionaler oder dynamischer Systemzusammenhang entstehen, der ohne diese spezifische Lagerungsqualität nicht eintreten würde“[viii]. Weichhart plädiert dafür, diese Anschauung des Raumes durch den sprachlich korrekteren Begriff der Räumlichkeit zu ersetzen.

Raum 1e: Eine weitere Verwendungsweise des Wortes Raum bezieht sich auf den erlebten Raum. Es geht dabei um einen subjektiv wahrgenommenen Ausschnitt des Erdraums (deswegen auch die an Raum 1 ankoppelnde Nummerierung), der allerdings – in Gegensatz zu Raum 1 – inhaltlich aufgefüllt, mit subjektivem Sinn und subjektiver Bedeutung (gruppen- und kulturspezifische Werturteile, Zuschreibungen, o.ä.) aufgeladen wird. „Der erlebte Raum erscheint dem Menschen als der Inbegriff faktischer Realität, er repräsentiert gleichsam die integrale ‚Wirklichkeit’ der Außenwelt, der wir in unserer individuellen Existenz gegenüberstehen“[ix]. Diese räumlich strukturierte Erlebnisgesamtheit, dieses kognitive Konstrukt repräsentiert und formuliert ein Gefüge von Meinungen und Zuschreibungen über einen Raum 1. Es handelt sich dabei also immer um ein selektives, verzerrtes, interpretiertes Bild der Realität. Diese Umdeutung von Beziehungen zwischen Dingen und Körpern zu einem Substanzbegriff bezeichnet man als Hypostasierung. Natürlich stellen derartige Räume oft eine Projektionsfläche für Identitäten o.ä. dar.

Diese spezifische, subjektiv gefärbte Interpretation der Realität wird in den alltäglichen Handlungsvollzügen der Individuen von ihnen dazu verwendet, „die jeweils vorfindbare Relationalität der Sach- und Sozialstrukturen ordnend zusammenzufassen und damit auch die Komplexität der Wirklichkeit zu verringern[x].

Raum 5: Die letzte Bedeutungsvariante erläutert Weichhart nur der Vollständigkeit halber – weswegen auch an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen wird; es handelt sich um jene epistemologische Konzeption von Immanuel Kant, deren Raum eine Form der Anschauung zur Organisation von Wahrnehmungsinhalten ist.

Neben dem durchaus als fatal zu bezeichnenden Versäumnis der Geographie, sich zwar auf ihren ureigensten Forschungsgegenstand Raum einstimmig als den(!) zentralen Untersuchungsgegenstand einigen zu können, für diesen aber keine kontinuierliche Definition oder zumindest Kategorisierung anzubieten, verortet Weichhart zwei weitere fundamentale Probleme für die Beschäftigung seiner Wissenschaft mit dem vorliegenden Begriff. Er glaubt, im Großen und Ganzen zwei schwerwiegende Verwechslungen im geographischen Forschungsprozess ausgemacht zu haben.

Das erste Missverständnis bezieht sich auf die Hochstilisierung der „Weltperspektive, die als kulturelles Deutungsmuster hinter dem erlebten Raum steht […] zu einem wissenschaftlichen Erkenntnisprinzip“[xi]. Die Kritik meint das unreflektierte Übernehmen jener alltagsweltlichen Hypostasierungsprozesse, die den erlebten Raum begründen, durch die Geographie. Es kam zu einer Projektion und anschließenden Vergegenständlichung von erlebten Räumen in und auf Erdraumausschnitte. War diese geographie-wissenschaftliche Fehlleistung zwischenzeitlich auf dem Weg ausgebessert zu werden, kam es überraschenderweise bald zu einer Art Gegenbewegung zur Gegenbewegung. Diese (Rück-)Verirrung wurde in jedem Fall durch das Entdecken und anschließende Bearbeiten der Räumlichkeit sozialer Phänomene durch benachbarte Disziplinen, die den bereits gemachten Erfahrungen keine Beachtung schenkten, forciert.

Die zweite Falscheinschätzung erkennt Weichhart überwiegend bei Untersuchungen zur Räumlichkeit von Wirtschafts- und Sozialstrukturen, die also eindeutig auf die hier als Raum 4 bezifferte Räumlichkeit fokussieren. Geographen erliegen in diesem Zusammenhang oft der Versuchung, die für ihre Untersuchungen relevanten Lagerungsqualitäten und Lagebeziehungen zwischen bestimmten Dingen anhand von Karten oder anderen Modellen zu visualisieren. Die immanente Gefahr dieser Vorgehensweise bedroht die Wissenschaftlichkeit in Form von Verdinglichung, Personifizierung und Hypostasierung. Hinzu kommt der immer präsente Verweis auf Erdraumausschnitte, in denen die betroffenen Phänomene beobachtet wurden. Die fehlende Abgrenzung einer relationalen Konzeption von Räumlichkeit und die Projektion auf einen spezifischen Erdraumausschnitt resultieren in einer völlig unzureichenden weil verkürzten Anschauung und vor allem Darstellung. „Wir sagen ‚Raum’ […] und meinen damit zusätzlich zur ‚Adressenangabe’ eine jeweils spezifische Konstellation der Lagerelation von Dingen.“[xii] Die Relationalität wird dabei – weil zu komplex – einfach in einen Substanzbegriff umgedeutet, die Raum-Metapher kurzerhand personifiziert. Übrig bleibt eine oberflächliche Darstellung, ohne Fähigkeit, die vorhandene Komplexität zu formulieren.

  

Relevanz und Anwendbarkeit

Schon inmitten der Erläuterungen der angebotenen Raumkonzepte verweist der Autor immer wieder auf deren Gemeinsamkeiten, Unterschiede und jeweils spezifische Relevanz. Diese – im vorliegenden Überblick bisher ausgesparten – Argumente und Hinweise sollen an dieser Stelle den Gedanken über die Kompatibilität bezüglich einer handlungstheoretischen Sozialgeographie vorangestellt werden.

So haben die ersten besprochenen Raumkonzeptionen Raum 1 und Raum 2 gemein, dass für sie Raum etwas real Existierendes, ein Element der physisch-materiellen Wirklichkeit ist. Beide kommen somit auch in verschiedenen anderen Wissenschaften als nur der Geographie zum Zug.

Doch zu welchem Zwecke werden welche Bedeutungen von Raum von wem wie verwendet? Auch dieser diskurszentrierten Fragestellung weicht Weichhart nicht gänzlich aus, gibt zumindest einige diesbezüglich in Betracht zu ziehende Denkanstöße für Raum 1, Raum 2, Raum 3 und Raum 4. Verwendet ein Sprecher den Raumbegriff im Sinne von Raum 1, so kann sein Interesse jeglicher Form von Phänomenen auf der Erdoberfläche gelten. Aber nicht nur als gedankliche Struktur für empirische Wissenschaften, natürlich auch in der außerwissenschaftlichen lebensweltlichen Realität ist diese Verwendung von Raum von Bedeutung.

Trotz der zuvor genannten Gemeinsamkeit, befindet sich Raum 2 in einer völlig anderen Situation und hat eine völlig andere Funktion als Raum 1. Er wird in der Geographie dazu verwendet, „eigenständige ‚Raumgesetzlichkeiten’ postulieren zu können“[xiii].

Das wohl umfassendste Konzept von Raum ist die Bedeutung im Sinne von Raum 3. Sobald Mensch denkt, sobald Mensch Unterscheidungen macht, bei jeglicher Art von kognitiver Operation ist er präsent; er ist überhaupt die Voraussetzung, die Unterscheidung ermöglicht. Folglich arbeitet jede Wissenschaft mit diesem Konzept.

Raum 4 gesteht Weichhart eine besondere Bedeutung für die Geographie zu; gemeint wird er allerdings sowohl wenn Fußballtrainer, Theaterregisseure, Architekten oder Raumplaner, als eben auch wenn Geographen und viele andere das Wort Raum in den Mund nehmen. Es geht – wie oben bereits erläutert – um funktionale Relationen zwischen physisch-materialen, realen Elementen der Erdoberfläche. Diese Problematisierung „der Räumlichkeit der Ding- und Körperwelt kennzeichnet […] ein zentrales Erkenntnisinteresse der Geographie“[xiv]. Sobald auf materielle Aspekte sozialer Phänomene Bezug genommen wird, greift die Sozialwissenschaft auf dieses Konzept von Raum 4 zurück.

Doch welches der vorgestellten Raumkonzepte ist mit einer handlungsorientierten Sozialgeographie, mit einer subjektzentrierten Handlungstheorie kompatibel? Diese Frage stellt sich Weichhart in Anschluss an die vorangegangenen Erläuterungen zu den einzelnen Möglichkeiten. Er räumt ein, dass handlungstheoretische Projekte sozialwissenschaftlicher Forschung durchaus auch ohne Bezugnahme auf räumlich Aspekte zu den angestrebten Ergebnissen führen können. „Sobald aber auch die materiellen Grundlagen von Handlungen interessieren und die artefakte-weltlichen Bereiche des Sozialen in den Blickwinkel des Forschungsinteresse geraten, wird man auf einen sozialwissenschaftlich verträglichen Raumbegriff nicht verzichten können“[xv]. Trotzdem bleibt die handlungstheoretische Herangehensweise forschungsleitend über Handlungskonzepte bestimmt, nicht über Raumkonzepte.

Weichhart erachtet vier der oben vorgestellten Konzepte von Raum als verwendbares Instrumentarium individuumszentrierter handlungstheoretischer Sozialgeographie. Raum 1 als einfaches Lokalisierungstool ist und bleibt in seiner Begrenztheit ein unproblematisch zu verwendendes. Raum 1e kann nicht ganz so „unbedacht“ eingesetzt werden; die Voraussetzung für dessen Verwendung ist das Bewusstsein, ihn als ein zentrales Element jeder Situationsdefinition anzunehmen. Raum 3 und „gleichsam die ‚Mutter aller Räume’“[xvi] gilt zwar als umfassendes Konzept zur Verwendung aller Wissenschaften, weist aber keine unmittelbar fachspezifische Relevanz vor.

„Als einziges Konzept, das eine handlungstheoretische Geographie mit guten Argumenten als fachspezifische ‚Nische’ im Wettbewerb der Sozialwissenschaften für sich reklamieren könnte, ist der Raum 4 anzusehen“[xvii]. Der Autor hebt in seinen finalen Überlegungen das Konzept von Räumlichkeit auf den Sockel des hervorragenden, neue Erkenntnisgewinne erzielenden und die Sozialgeographie im Rahmen des Raumdiskurses positionierenden sozialwissenschaftlichen Ansatzes. Die Geographie hatte schon immer einen enormen Stellenwert bezüglich der Berücksichtigung physisch-materieller Aspekte des Sozialen, und das zeichnet – so Weichhart – die Geographie aus. Andere Sozialwissenschaften erachtet er diesbezüglich als sachblind und ignorant gegenüber all dem, was hinter Raum 4 steht. Er besteht eben nicht nur aus Dingen; als Sozialwissenschaftler gilt es ebenso, jene ihn konstituierenden Akteure und sozialen Praxen mit ein zu beziehen.[xviii]

Räumlichkeit – so das Fazit – erlaubt es dem Sozialwissenschaftler, „bestimmte Aspekte oder Ausschnitte der erdräumlich lokalisierbaren Welt in spezifischen Handlungskontexten über subjektive und objektive Sinnzuschreibungen und die soziale Praxis als wesensinhärente Elemente des Sozialen“[xix] zu deuten.

 

Kritik

Peter Weichhart, Professor für Humangeographie an der Universität Wien, versucht sich also im Rahmen des Konzepts der handlungsorientierten Sozialgeographie von Benno Werlen an einer Erläuterung und anschließend kurzen Evaluation von vorherrschenden Konzeptionen der wissenschaftlichen Diskussion rund um Raum. Er tut dies bestimmt und klar ersichtlich aus dem Blickwinkel „seiner“ Disziplin, der Geographie, und sucht nach einem Wegweiser für die Beschäftigung der Vertreter dieser Disziplin mit dem Raumbegriff. Sein Antrieb scheint vor allem die fehlende definitorische Schärfe der Geographiewissenschaft bzgl. dieses Begriffs zu sein. Aber, Weichharts Herangehensweise lässt mindestens ebenso klar seine sozialwissenschaftliche Orientierung und Auslegung von Geographie erkennen. Er betont die Verbindung zu anderen Sozialwissenschaften (inklusive dem Bemühen, Anschlussfähigkeit herzustellen) ganz bewusst, man kann beim Lesen des vorliegenden Textes seine Vorliebe für disziplinenübergreifendes, in alle Richtungen offenes Forschen geradezu heraushören. Er scheint wissenschaftliche Vielfalt ganz offensichtlich als Stärke zu schätzen, solange diese nicht in wissenschaftlicher Ungenauigkeit, im Falle der Geographie bemerkenswerterweise im Fehlen einer anwendbaren Definition oder zumindest Kategorisierung des(!) zentralen Forschungsgegenstandes, resultiert. Dementsprechend übt Weichhart auch Kritik an der Geographiewissenschaft, versucht allerdings, ihr eine helfende Hand auf ihrem Weg heraus aus dieser Misere zu reichen. Trotz aller Verweise und Empfehlungen in Richtung Geographie, muss lobenswerterweise nie die Anschlussfähigkeit an andere Disziplinen oder gar das Verständnis von Vertretern solcher darunter leiden.

Weichhart gelingt eine gute, klare Aufbereitung der zur Verfügung stehenden Konzepte, und er bietet etliche, wenn auch – wohl aufgrund des Umfanges des Artikels als Teil eines Sammelbandes – nur kurz angedeutete, Denkanstöße bzgl. der Anwendbarkeit von Raumkonzepten an. Die Selektion, die Auswahl eines Instrumentes fällt aber naturgemäß leichter, wenn man – wie in diesem Falle von Weichhart – den Werkzeugkoffer so eindrucksvoll prägnant geöffnet und dargelegt bekommt.

Die „Schwachstellen“ des vorliegenden Textes sind keine im herkömmlichen Sinne, stechen sie doch nur aus unserem disziplinen- und forschungsspezifischen Blickwinkel ins Auge.

Der Text „Die Räume zwischen den Welten und die Welt der Räume“ bietet einen bemerkenswert prägnanten Überblick über anwendbare Instrumentarium. Wir können uns – diesem Leitfaden folgend – leichter im Spektrum der vorhandenen Raumkonzeptionen zurechtfinden; was für uns sowohl betreffend die Betrachtung der Genealogie des Raumbegriffs bis hin zum gegenwärtigen „State of the Art“, als auch betreffend eine etwaige Analyse und Betrachtung des gegenwärtigen Diskurses rund um den Begriff Raum (wie auch immer diese auszusehen hat) eine Hilfestellung darstellen kann.

Klarerweise muss man den Text mit einer gewissen disziplinenimmanenten Distanz in Betracht ziehen, nicht weil wir einer disziplinenübergreifenden Herangehensweise – ähnlich jener von Peter Weichhart – skeptisch oder gar ablehnend gegenüberstünden, sondern weil wir uns ganz einfache andere Fragen zu stellen haben als dies Vertreter der Geographie tun.



[i] Weichhart, Peter; Die Räume zwischen den Welten und die Welt der Räume; in: Meusburger, Peter (Hrsg.); Handlungszentrierte Sozialgeographie. Benno Werlens Entwurf in kritischer Diskussion; Erdkundliches Wissen 130; Franz Steiner Verlag; Stuttgart, 1999, S. 67.

[ii] Ebenda, S. 68

[iii] Ebenda, S. 70

[iv] Ebenda, S. 71

[v] Weichhart wehrt sich gegen die Verwendung einer systemtheoretischen Herangehensweise an soziale Systeme à la Luhmann, die das menschliche Subjekt ausblendet.

[vi] Ebenda, S. 76

[vii] Ebenda, S. 77

[viii] Ebenda, S. 78

[ix] Ebenda, S. 81

[x] Ebenda, S. 82

[xi] Ebenda, S. 83

[xii] Ebenda, S. 84

[xiii] Ebenda, S. 79

[xiv] Ebenda, S. 80

[xv] Ebenda, S. 88

[xvi] Ebenda, S. 90

[xvii] Ebenda, S. 91

[xviii] Eine vollständige Kartierung fällt dementsprechend weg, da die – soziale Prozesse, u.ä. mitdominierende – Zeitkomponente das unmöglich macht.

[xix] Ebenda, S. 92

  • Mike

    Wieder ein gut verständlicher Text mit dem auch seine Relevanz für Eure Arbeit klar wird. Vielleicht wäre es interessant beide Texte dem Weichhart zu schicken, mit der Bitte um Reflexion. Ich denke es könnte ihn interessieren und Euch seine Antwort was bringen.

  • Die folgende Auseinandersetzung mit des Autor’s Auseinandersetzung erfolgt relativ „häppchenweise“. Und erneut liegt der Grund ganz einfach in dem anders gelagerten Forschungsinteresse, der anders begründeten Herangehensweise