Merleau-Ponty, Maurice (1961); „Das Auge und der Geist“

Merleau-Ponty will sich (im vorliegenden Text) auf das tatsächlich Geschehende, auf jene Reize eingehen, die wirklich auf das Auge treffen; er verwehrt sich dagegen, alles Rezipierte als „Sinnestäuschungen oder gegenstandslose Wahrnehmungen am Rande einer unzweideutigen Welt“[1] abzutun. Er stellt sich also die Frage, was unser Sehen von außen her beherrscht. Er will sich nicht mit unwirklichen Abbildungen der Gegenstände, wie Spiegelbildern oder Reflexen, beschäftigen, da diese für unsere Vorstellung der Welt irrelevant sind. Den einzigen zwei Komponenten, denen Merleau-Ponty in diesem Kontext eine relevante Stellung einräumt, sind das Ding und der reflektierte Lichtstrahl, „der mit dem ersten in einem geregelten Verhältnis steht“[2].

Ein Bild/Abbild ist deswegen nicht beachtenswert, weil es kein Leib ist. Merleau-Ponty spricht der oft zitierten „Macht der Bilder“ jegliche reale Wirkkraft ab. Und, er zweifelt ihre angebliche Ähnlichkeit mit der sichtbaren Welt an. Letzteres meint er allerdings auch in Bezug auf jene Bilder, die das Licht über die Zwischenstation Auge in unserem Gehirn aufzeichnet. „Das Sehen […] ist vielmehr ein Denken, das streng die im Körper gegebenen Zeichen entziffert“[3]. Ähnlichkeit steht also am Ende des Wahrnehmungsprozesses, nicht am Anfang. Dementsprechend wenig (bis keinen) Aufschluss gibt uns das geistige Bild über das Innerste des Seins.

So ist logischerweise das Malen (o.ä.) nur ein Trick, der sich der eingeübten, geregelten Zeichenstruktur (siehe z.B. Projektionslehre; wie male ich perspektivisch!?, …) bedient, um uns Wahrnehmung vorzutäuschen. Was der Malerei vollends fehlt, ist die dritte Dimension.

Der Mensch sieht die dritte Dimension im Entfernungsverhältnis zwischen seinem Körper und dem jeweiligen Objekt der Anschauung. Dinge überlagern oder verbergen sich in Wirklichkeit ja nicht; da aber der Wahrnehmende seinem Körper verhaftet ist, benötigt er die dritte Dimension um für ihn scheinbar hintereinander stehende Dinge zu ordnen. Gott benötigt diese „Fähigkeit“ nicht, da er den Raum und die Dinge in ihm voll entfaltet sehen kann.

Und demzufolge ist Tiefe für Merleau-Ponty Ausdruck der menschlichen Teilhabe am Sein des Raumes. Der Mensch ist also im Raum. Die Tiefe, die sich der Mensch beim Anblick eines Gemäldes einbilden kann, passt einwandfrei in Merleau-Pontys Argumentationsstruktur: er benennt den Mechanismus einer derartigen Visualisierung „Illusion einer Illusion“[4].

Der Raum ist die Evidenz des Wo. Jeder Punkt des Raumes ist dort, wird dort gedacht, wo er im Raum ist. „Orientierung, Polarität, Umhüllung sind in ihm abgeleitete Phänomene“[5]. Diese sind an die Gegenwart des Ichs, des Betrachters gebunden. Nur der Raum ruht absolut in sich, ist immer und überall stabil und homogen.

Folgen wir der Argumentation dieses Textes weiter, wird klar, dass wir dem Descarte’schen Raum-Denken (Idealisierung des Raums unter Bezugnahme auf drei rechtwinklige Achsen) verdanken, dass man die Grenzen dieser standpunktlosen Konstruktion erkennen, dass man verstehen konnte, dass Raum nicht jenseits jedwedes Gesichtspunktes gedacht werden kann. „Descartes hatte recht, als er den Raum befreite. Sein Fehler war, ihn zu einem ganz und gar positiv Seienden zu erklären“[6].

Merleau-Ponty lobt in diesem Zusammenhang – die thematische Überleitung offerieren einige der künstlerischen Inspirationen Descartes – die Malerei, und ihre Experimente mit Darstellung von Tiefe. Allerdings spricht er ihr ab, wirklich endgültige Aussagen treffen zu können. Die Malerei versucht, eine adäquate Darstellung vom Blickwinkel auf den – anstatt von der Entfernung zum – Gegenstand abhängig zu machen[7]. Jedoch, die Relevanz des Standortes des Betrachters im Raum macht es der Malerei unmöglich, räumliche Anschauung zu „ersetzen“. Eine symbolische Form kann nie an die Stelle eines Stimulus treten.

„Sehen ist ein bedingtes Denken“[8]. Es wird erzeugt durch Stimuli, die der Körper aufnimmt, die er nach – natürlich gegebenen – Regeln und Mechanismen verarbeitet, und so zum Denken „anregt“. Es hat nicht die Wahl, zu sein oder aber nicht zu sein.

Im Zentrum räumlicher Wahrnehmung steht der eigene Körper, oder vielmehr der Ort, den der Körper sozusagen bewohnt. Die Seele muss wissen, wo im Raum sich die Teile ihres Körpers befinden, um von da ausgehend die Lagen aller Punkte des Raumes – im Verhältnis zum eigenen Ort – „aufnehmen“ zu können.

Merleau-Ponty bezeichnet dieses von ihm skizzierte Szenario nur als „ein ‚Modell’ des Ereignisses“[9]. Er hinterfragt, woher denn die Seele den Raum ihres Körpers, den sie ja in weiterer Folge auf alle Dinge ausdehnt, kennt!? „Woher kennt sie dieses erste Hier, von dem jegliches Dort abstammt?“[10]. Der Körper, den sie bewohnt, ist für sie nicht ein Gegenstand unter anderen; sie orientiert ihr Denken an ihm. Von da ausgehend – in der natürlichen Vereinigung von Körper und Seele – ist die äußere Entfernung festgelegt. Der Körper als Ursprungsraum für die Seele und zugleich Matrix jedes anderen wirklichen Raumes.

Dementsprechend macht Merleau-Ponty zwei Dimensionen des Sehens aus: auf der einen Seite die automatisch – gewollt oder nicht – ablaufende Lektüre von Zeichen, auf der anderen Seite das im Körper eingerichtete Denken. „[E]in Sehen, von dem man nur eine Vorstellung haben kann, indem man es ausführt, und das zwischen den Raum und das Denken die autonome Ordnung eines aus Körper und Seele Zusammengesetzten einführt“[11], also ein tatsächliches Sehen. Natürlich ist dieses Denken nicht wahrhaftig, denn es ist an einen(!) Körper gebunden.

Das Wissen um diese unsere Position verdanken wir, so Merleau-Ponty, Descartes. Der Körper nicht mehr als Mittel der optischen und haptischen Wahrnehmung, sondern nur mehr als ihr Verwahrer. Wir sind das oben erwähnte Konvolut von Körper und Seele, und müssen aus dieser Position heraus, und aus dem Wissen um diese, denken. Raum wird vom Individuum – als Nullpunkt der Räumlichkeit – aus erfasst; er ist nicht mehr einfach ein Netz von Beziehungen zwischen Gegenständen. Ein Dritter erblickt den Raum nie als Zeuge des spezifisch individuellen Sehens.



[1] Merleau-Ponty, Maurice (1961); Das Auge und der Geist; in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften; Suhrkamp Taschenbuch Verlag; Frankfurt am Main, 2006; S. 180.

[2] Ebenda, S. 181

[3] Ebenda, S. 182

[4] Ebenda, S. 184

[5] Ebenda, S. 185

[6] Ebenda, S. 185

[7] Ebenda, S. 185

[8] Ebenda, S. 187

[9] Ebenda, S. 187

[10] Ebenda, S. 187

[11] Ebenda, S. 188