Günzel, Stephan; „Phänomenologie der Räumlichkeit“

In der vorliegenden Einleitung versucht Stephan Günzel erneut, die in seinem und Jörg Dünnes Sammelband folgenden Texte zum Thema Raum prägnant und dennoch umfassend einzuleiten. An dieser Stelle sind es Vertreter der Phänomenologie, sowie ihrer Ableger oder Nachfolger, die sich mit dem Raumbegriff befassen. Texte von Kurt Lewin, Martin Heidegger, Edmund Husserl, Gaston Bachelard und Maurice Merleau-Ponty sollen in einem/n übergeordneten und verbindenden theoretischen wie wissenschaftsgesellschaftlichen Kontext vorgestellt und eingeordnet werden. Erneut gelingt es Günzel gut, die Hürde, komplexe Diskussionen und ihre Rahmenbedingungen auf wenigen Seiten in einer nachvollziehbaren Kontinuität darzustellen, unbeschadet zu überspringen.

Phänomenologie versucht, einer Definition von Günzel nach, „das Wesen der menschlichen Existenz und Erkenntnis aus der eigenen Erfahrung heraus zu beschreiben“[1]. Sie beschäftigt  sich also mit so grundsätzlichen Fragen wie: Was und wie ist der Mensch? oder: Was liegt dem menschlichen Sinn und der menschlichen Existenz zugrunde?

Neben Wahrnehmung und Leiblichkeit gehört, so führt Günzel weiter aus, insbesondere die Räumlichkeit zu den Konstituenten menschlichen Seins. Raum (oder besser Räumlichkeit) ist nicht mehr einfach nur gleichförmiger Ausdehnungsraum wie bei Newton, sondern Lebensraum. Die Phänomenologie behauptet, dass ein rein geometrisches und klassisch-physikalisches Konzept von Raum eine verkürzte räumliche Erfahrung darstellt. Sie betont die Rekursivität, also die Erfahrung als Grundlage der Beschreibung, wobei diese Beschreibungen wiederum Grundlage der Erfahrung sind.

 

Eine dominante Stellung in der phänomenologischen Herangehensweise an Raum wird einer topologischen Beschreibung des Raums eingeräumt; diese musste sich ihren Weg allerdings erst durch – vorerst sprachlich bedingte – Auffassungsunterschiede hindurch bahnen. Günzel sieht den diese Diskrepanzen verkörpernden Unterschied zwischen deutschsprachiger und französischer Phänomenologie des 20. Jahrhunderts vornehmlich darin, dass Erstere „versucht zu zeigen, dass der dreidimensionale, metrische und homogene Raum der topologischen Struktur einer Erfahrungsräumlichkeit entspringt“[2], während Letztere darauf abzielt, „eine Inkompatibilität zwischen topologischem und euklidischem Raum zu belegen“[3]. Gemein ist ihnen allerdings der Ausgangspunkt, die Phänomenologie Edmund Husserls.

Keinen impliziten Widerspruch in der gemeinsamen Anwendung beider Herangehensweisen sieht hingegen Maurice Merleau-Ponty, der die Vorstellung einer Ursprünglichkeit des Raumes mit einer Verflechtung von topologischem und euklidischem Raum unter einem gemeinsamen konzeptuellen Dach zu vereinen versucht[4].

 

Als „erste topologische Raumbeschreibung der Phänomenologie […], die sich auf eine konkrete Erlebenssituation […] bezieht“[5] – und dementsprechend erwähnenswert – hebt Günzel Kurt Lewins „Kriegslandschaft“[6] hervor.

Die theoretische Basis und Wurzeln der phänomenologischen Konstitutionslehren des dreidimensionalen Raums sind nichts desto trotz bei Edmund Husserl[7] zu finden. Husserl will durch Reduktion jene Elemente sichtbar machen, die Bewusstsein konstituieren. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist also das aktuell gegebene Wahrgenommene, das sich auf die Dinge in der Welt bezieht. Dadurch befindet sich das Bewusstsein, dessen intentionale Struktur dem Wahrnehmungsgeschehen zugrunde liegt, schon „im Außen“. Das Wahrnehmungsgeschehen von Raum betreffend, sind Innen und Außen also vereint.

Die Dreidimensionalität des Raums ist bei Husserl Notwendigkeit für eine vorstellbare Abstraktion auf eine zwei- oder eindimensionale Ebene. Am Anfang von Hegels Überlegungen stand noch der Punkt; dieser wäre nur vorstellbar als Teil einer Linie, wäre nur vorstellbar als Teil einer Fläche. Der Begriff des Raums also als Resultat der Einordnung, der Vorstellung eines Punktes, welcher seiner Natur nach der Inbegriff der Unräumlichkeit ist. Husserl geht den diametral entgegen gesetzten Weg.

Die nächsten sich im Verlauf von Husserls Denkprozess formulierenden raumbezogenen Überlegungen zielten auf die sensomotorische Erfahrung des Raums ab. Husserls noch späterem Denken jedoch attestiert Günzel einen äußerst relevanten Wandel in Richtung Konzept der Lebenswelt; aufgrund der eindeutig praktischen Ursprünge von Geometrie legt Husserl nun den Boden, auf dem sich Mensch bewegt, der menschlichen Raumerfahrung im wahrsten Sinne des Wortes zugrunde. Die leibliche Erfahrung des weltlichen Bodens ist also grundlegend für die relative Erfahrung des eigenen Handlungsraums (und fester Bezugspunkt, der menschlichen Orientierung dienend). Betrachtet man also die phänomenale Erlebensstruktur von Raum, ist die Erde, der Platz an dem das Individuum auf ihr steht, das Zentrum von Erfahrung. Erst dadurch ist ein orientierter Raum gegeben.

 

Bei Merleau-Ponty, der Husserls Überlegungen rezipierte, ist Räumlichkeit „begründend für menschliche Erfahrung“[8], da Mensch die Welt nur von seinem Standort aus sehen kann und muss. Diese dreidimensionale Anschauung bringt unmittelbar die Endlichkeit des Menschseins zum Ausdruck; ein allgegenwärtiger Gott benötigte wohl keine dritte Dimension (Tiefe), da diese für ihn äquivalent der Breite wäre. Merleau-Ponty begründet die phänomenale Topologie des Raumes also mit dem Dortsein des Menschen (im Raum). Der ursprüngliche Raum ist also ein topologischer, und geht als solcher dem euklidischen Raum erfahrungslogisch voraus. Allerdings bleiben beide in stetiger Konfrontation aufeinander bezogen.

Die Wahrnehmung von Raum erfolgt laut Merleau-Ponty weitaus mehrdimensionaler als bloß haptisch oder optisch. So sind Denken und Sehen stetig an ihr beteiligt; Dinge werden nicht nur gesehen und gespürt, sondern von der Wahrnehmung des Betrachters „intentional umfasst und als Dinge in der Welt erlebt“[9]. Würde man versuchen seine Ideen auf einen Punkt zu bringen, so wäre es das Denken des Ich als Teil und im Verhältnis stehend zur Welt; Raum ist also endgültig „nicht mehr das Außen gegenüber einem inneren Selbst“[10].

 

Anders als diese durchwegs auch geschichtlich denkbare Auffassung topologischer Phänomenologie bei Merleau-Ponty betont jene bei Martin Heidegger[11] „die Idee einer Gründung des Raums in der Zeit“[12]. Heidegger geht dabei destruktiv vor. Er geht davon aus, dass die metaphysischen Systeme in Form von Beschreibungen den Blick auf die ursprüngliche Erfahrung versperren. Um diesem Manko entgegenzuwirken und die Erfahrung von Weltlichkeit wieder frei zu legen, macht er sich daran, den existentiellen Ort des Menschen zu bestimmen:

Die menschliche Erfahrung der Welt ist eine räumliche; dieser rein empirischen Bestandsaufnahme ist bei Heidegger „eine ‚ontologische Topologie’ vorgelagert […], durch welche die ‚Ortschaft des Seins’ gedacht werden kann“[13].

(Zumindest) drei Komponenten machen bei Heidegger die existenzielle Raumbezogenheit, machen den individuellen Bezug zum Raum aus:

  1. Das Dasein (Existenz in der Welt) ist in ein topologisches Geflecht von Bezügen eingewoben; der Raum gründet also im Sein, was so viel bedeutet wie dass der euklidische Raum von der – an eine Zeitlichkeitsstruktur rückgebundene – lebensweltlichen Erfahrung abgeleitet wird. Diese Anlehnung an eine Gechichtlichkeit des Raums verleiht dem Da-Sein letztlich eine normative Rolle; Raum und Boden werden erst dadurch geschaffen.
  2. Vor allem in Heideggers späteren Schriften setzt er sich mit der technischen Eroberung des Raumes auseinander. Die Technik, die ordnet, steht dabei der ursprünglichen Raumerfahrung diametral entgegen. Das Sein zeigt sich durch von der Technik produzierte Gegenstände. Hier ist der Raum Grenzfläche der Dinge; als abgegrenztes Fassungsvermögen hat er eine ethische oder ethologische Funktion. Die Existenz des Menschen hat ihren Ort in der „unmittelbaren Umgebung“ des exemplarischen Dings, das eine Relation zum Sein herstellt.
  3. Die dritte Heideggersche Bestimmung von Räumlichkeit erfolgt in semantischer oder semioontologischer Hinsicht. Heidegger spricht bezüglich dieser Kategorie vom Wohnen im Haus des Seins, welches die Sprache ist. Das gemeinsame Wohnen ist demnach Sprache gebend, und die Sprache in weiterer Folge Raum gebend (weil gemeinschaftsstiftend).

 

 

Spätestens nach der ersten erfolgten Entsendung eines Menschen in den Weltraum wollten einige Denker ihr Unbehagen bezüglich Heideggers heimat- und bodenfixierten Raumdenkens nicht mehr hintan halten. Emmanuel Lévinas nahm Juri Gagarins Verlassen des Planeten Erde[14] zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass er somit nach traditioneller Auffassung auch „den Ort“ verlassen habe, sich seine Erfahrung aber dennoch in geometrischem Raum abspielte. „Ein Mensch existierte im Absoluten des homogenen Raums.“[15]

Diese existentielle Entortung bedeutete eine enorme Erschütterung des bis dahin scheinbar konsensualen phänomenologischen Grundgerüsts, nämlich der Annahme, „dass die Kosmonautik dazu beiträgt, den Raum zu annullieren“[16].

 

Schon vor Lévinas setzte sich Gaston Bachelard[17] für ein Umdenken des phänomenologischen Denkens aus. Seine Topophilie wurde zu einem „Plädoyer für die Anerkennung der imaginären oder auch phantastischen Motive, die jedwedem Raumkonzept zugrunde liegen“[18]. Diese phänomenologische Beschreibung fragt nach dem wissensgeschichtlichen Verlauf der Konstruktion von Natur, ist also vielmehr eine Phänomenologie der Materie als eine Phänomenologie des Geistes.

Psychologie (nicht mehr Physik) wird zur führenden Raumtheorie; sie sucht nach verdeckten oder implizierten Motiven der Konstruktion von Raum. Außerdem soll sich – so die Forderung und Praxis Bachelards – die Naturwissenschaft von der Literatur inspirieren lassen (welche wiederum mit den Erkenntnissen von Naturwissenschaft arbeitet).

Bachelard beschäftigte sich intensiv mit den vorangehenden Überlegungen zu Raum und der Geschichte dieser Debatte und attestiert Einsteins Beitrag dazu, den letzten großen Bruch in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Raum verantwortet zu haben. Erst die Veröffentlichung seiner Relativitätstheorie machte aus dem Raum – der bis dahin einzig und allein als Raum der üblichen Anschauung, als Behältnis der Dinge diente – einen rein topologischen weil funktionalen Raum[19]. Raum ward plötzlich eine physikalische Variable. Neben Gagarins Raumflug führt Bachelard diesen Moment als zweites schlagendes Argument contra Heideggers – noch im newtonschen Denken und dem kartesischen Dualismus gefangenen – Ansatz ins Treffen. Der Raum ist seiner Meinung nach nicht einfach nur da. Bei Bachelard ist Räumlichkeit in erster Linie kollektives Raum(unter)bewusstsein.

 

Zwischen Heidegger und Bachelard positionierten sich namhafte Denker, wie ein Jacques Lacan, ein Michel Serres, ein Michel Foucault, ein Felix Guattari oder ein Gilles Deleuze, die Raum weder singulär als Platz realer Ausdehnung, noch als rein imaginär betrachteten, sondern als „Plätze und Orte in einem eigentlich strukturellen Raum, dass heißt, topologischen Raum“[20].

 

Einen wieder anderen, von diesen Auseinandersetzungen völlig unabhängigen Weg aus der Phänomenologie heraus suchten und fanden Vertreter der Berliner Schule, unter ihnen der bereits erwähnte Kurt Lewin. Die Gestaltungspsychologie lehnt sich an Goethes Gestalt-Terminus an, der „eine Ganzheit bezeichnet, welche der Wahrnehmung einzelner Teile vorhergehe“[21].

Im Anschluss an Ernst Cassirer zielt diese Perspektive auf die Gesamtheit der Mensch-Umwelt-Beziehung ab; das Funktionsdenken ersetzt das Substanzdenken, Relationsbestimmungen treten an die Stelle von Seinsbestimmungen. Die topologische Beschreibung gilt als die einzige Möglichkeit überhaupt, räumliches Verhalten zu beschreiben. Mittels Anleihen an der physikalischen Feldtheorie macht Lewin Felder anhand der strukturellen Homogenität eines bestimmten Ausschnitts aus der Umwelt aus. Alle Ortsveränderungen einer Person innerhalb eines bestimmten Zeitraums, ihre Häufigkeit, und all das in Beziehung untereinander und zu den relevanten Feldern ergeben den jeweiligen gelebten Raum.

Jean-Paul Sartre erkannte in Lewins Ansatz eine plausible und adäquate Möglichkeit, den realen Raum der Welt – sprich objektive und subjektive Komponenten gleichzeitig – zu erfassen. Es dreht sich also letztlich alles um Relationen (zwischen Mensch und der Welt). Raum ist etwas dynamisches; bestimmt vom subjektiven Erleben, ebenso wie vom bestimmten Zeitpunkt der Beschreibung. Das Spannungsverhältnis zwischen Handlungsraum und Raumhandeln, so argumentiert Günzel abschließend, zeichnet nicht nur für die außerordentliche Anschlussfähigkeit der Phänomenologie verantwortlich, sie lässt sie ergänzend dazu zu „einer Form der diskursiven Vermittlung […] werden“[22], die bis heute kaum an Relevanz in der Debatte um Raum verloren hat.

 

 


[1] Günzel, Stephan; S. 105

[2] Günzel, Stephan; S. 106

[3] ebd.

[4] Merleau-Ponty, Maurice; Das Auge und der Geist (1961); in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 180 – 194

[5] Günzel, Stephan; S. 106

[6] Lewin, Kurt; Kriegslandschaft (1917); in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 129 – 140

[7] hier: Husserl, Edmund; Kopernikanische Umwendung der Kopernikanischen Umwendung  (1934); in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 153 – 165

[8] Günzel, Stephan; S. 113

[9] Günzel, Stephan; S. 114

[10] Günzel, Stephan; S. 116

[11] hier: Heidegger, Martin; Die Räumlichkeit des Daseins  (1927); in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 141 – 152

[12] Günzel, Stephan; S. 116

[13] Günzel, Stephan; S. 117

[14] 12. April 1961

[15] Lévinas, Emmanuel; zitiert in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 120

[16] Günzel, Stephan; S. 121

[17] hier: Bachelard, Gaston; Poetik des Raumes  (1957); in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 166 – 179

[18] Günzel, Stephan; S. 121

[19] vgl. Günzel, Stephan; S. 122

[20] Deleuze, Gilles; zitiert in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan; S. 124

[21] Günzel, Stephan; S. 125

[22] Günzel, Stephan; S. 127

 

 

Günzel, Stephan; Einleitung zu Teil I. Phänomenologie der Räumlichkeit, in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan (Hrsg.); Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften; Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2006; S. 103 – 128 

 

  • Mike

    Die Entwicklung der Psychoanalyse – anhebend mit Freud – ist insofern wichtig als damit ein Raum (das Unbewußte und damit Raum und Welt) erstmals angedacht werden konnte, den es vordem nur als Mystik, Mythos oder Religion gegeben hat, d.h.etwas wäre zu erlösen. Wobei zu bedenken ist, dass das Unbewußte nicht etwas individuell einsames, ein Vorgang der Verdrängung individueller Art ist, sondern sich unverwirklichtes Leben kollektiv als Erscheinungen manifestiert. Der euklidische Raum ist mathematisch, im Zugrundeliegt aber ein Raum der unverwirklichten Lebenspotentiale – die Frage ist nur: was passiert mit den nicht verwirklichten Potentialen – können die aus der Vergangenheit nochmals in die Wirklichkeit einer Gegenwart gehoben werden? Verweise auf Derrida und seiner Annahme etwas kann als Geschehen in die Wirklichkeit treten, auf Jullien mit seinem interessanten Hinweis zw. Erzählung und Beschreibung, Handeln oder Transformation. Stürzt euch einmal in die Lektüre eines Lacan, Deleuze etc., die übernehmen Bachelards Traumraum, das transsubjektive eine festen europäischen Subjekts meisterhaft. Na dann viel Spaß.