Günzel, Stephan; „Physik und Metaphysik des Raums“

Als einer von zwei Herausgebern des umfassenden Überblicks Raumtheorie über Grundlagentexte und Klassiker des raumtheoretischen Diskussionsprozesses, die noch heute keinerlei Gültigkeit und Relevanz für eine Betrachtung dieser philosophisch-kulturwissenschaftlichen Debatte vermissen lassen, übernimmt Stephan Günzel im vorliegenden Text die Aufgabe, dem Leser sehr aufschlussreiche einleitende Grundgedanken und Verweise auf historische Rahmenbedingungen mit auf den Weg zu geben. Und zwar für jene Beiträge zu dieser Debatte, die der Ansicht der Herausgeber nach, den Diskurs des 20. Jahrhunderts mitgeprägt haben, obwohl sie zum Teil mehrere Jahrhunderte zuvor erzeugt worden waren. Sind es in den anderen fünf Teilen des Buches Texte, die ausschließlich im Verlauf des 20. Jahrhunderts (oder frühestens Ende des 19. Jahrhunderts) entstanden, so müssen die im Folgenden zusammengefassten Erläuterungen einen Text von René Descartes (aus dem Jahre 1644), einen Briefwechsel zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Samuel Clarke (1715/1716), und drei Schriftsegmente von Immanuel Kant (zw. 1768 und 1786), sowie ein Dokument von Jakob Johann von Uexküll (1913) und eines von Albert Einstein (1954) umrahmen und in einen gemeinsamen Kontext, eine konsistente Genealogie einbetten.

Insgesamt sollen die Texte des auch diese Einleitung beinhaltenden Sammelbands u.a. in folgenden Kontext eingeordnet dargestellt werden:

         Denken des Autors

         Zeitgenössische Diskussion

         Anschluss zur gegenwärtigen raumtheoretischen Debatte

         Anschluss an den Gesamtdiskurs

 

Der vorliegende Einleitungstext soll diese Anforderungen in Bezug auf eben erwähnte fünf Autoren und ihre Gedanken erfüllen; zu diesem Zwecke nähert sich Günzel – unter Berücksichtigung auch anderer einflussreicher Denker und Wissenschafter als nur der eben erwähnten – chronologisch an den Raumbegriff an.

Günzel beginnt zu bemerken, dass beinahe jeder Philosoph oder Autor im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere ein Raumkonzept anbietet. Dieses soll meistens als Bestimmung von Natur zur Kenntnis genommen werden. Die Ausgangsüberlegung ist demzufolge, „dass die begriffliche Bestimmung seiner physisch-gegenständlichen Erfassung gleichkommt“[1]. Als Brücke zwischen Begriff und Natur diente traditionellerweise – in der anlaufenden Neuzeit – das Experiment; nur dadurch – so die Auffassung – könne das Evidente sichtbar und somit erst begreifbar gemacht werden. Nur dadurch könne es erfasst und beschrieben werden. Somit wurde jede Philosophie sozusagen zur Naturwissenschaft, da ihre Überlegungen mit kosmologischen Grundannahmen vereinbar sein mussten. Die diesbezügliche Haupt-Grundannahme war die Endlichkeit des Kosmos[2].

 

Bei Aristoteles war es nicht Ausdehnung, die die begriffliche Grundlage von Räumlichkeit darstellte, sondern die Anwesenheit eines Körpers. Nichts desto trotz blieben bei ihm Raum und Ort als eingrenzende, umschließende Grenzflächen erhalten; dem ist die Vorstellung einer unbeweglichen Grenze immanent. Als weiteren zentralen Aspekt bei Aristoteles’ Vorstellungen von Raum macht Günzel folgendes aus: „Wenn alle Bewegungen im Raum kausal verursacht sind, kann es in der Welt keinen leeren Raum geben.“[3] Diese Schlussfolgerung resultiert aus der Annahme, dass Handlung/Bewegung eine andere Bewegung als ursprüngliche Ursache benötigt. Die vorangehende Bewegung ist also Impuls für die darauf folgende. Die Übertragung des Impuls kann nicht „durch ein Nichts erfolgen“[4]; folglich muss nach Aristoteles dort ein Raum sein.

 

Descartes steht sozusagen am Beginn der Neuzeit, obwohl er aus dem Mittelalter die (Denk)unmöglichkeit eines leeren Raums übernimmt. Raum gilt bei ihm als „substanzielles Kontinuum“[5], Gott als Ursache aller Naturvorgänge und dementsprechend diesen zugrunde liegende Substanz. Da Natur ein Teil der Substanz ist, ist sie folglich ein Teil von Gott und kann somit nicht leer sein.

Descartes definiert Raum ganz schlicht und einfach anhand der drei Dimensionen (Länge, Breite,  Tiefe) als Volumen. Bewegung ist bei ihm nichts anderes als Ortswechsel. Zu eben dieser Vorstellung von Raum als messbarer Ausdehnung (Volumen) kamen die Denker jener Zeit erst durch den Nachweis von Vakuum, 1663, durch Otto von Guericke. Und erst diese Vorstellung von Raum ermöglicht es, sich ihn als den in ihm befindlichen Objekten vorausgehend, den Subjekten als Gegebenheit dienend, vorzustellen. Der dementsprechende Konstruktionspunkt fällt mit dem Standpunkt des Betrachters zusammen.

 

Newton war es, der der neuzeitlichen Vorstellung der Möglichkeit eines leeren Raums endgültig zum Durchbruch verhalf. Für ihn galt die Anwesenheit eines Körpers (Ort) nur als ein Teil des Raums. Er teilte den physikalischen Raum in 1. absoluten (stabilen, unbeweglichen) Raum und 2. relativen (als Maß für den absoluten) Raum ein. Der relative Raum verändert/bewegt sich im absoluten Raum und ist somit immer ein anderer Teil davon. Diese Aufteilung dient dazu, zwei ineinander greifende Ordnungen zueinander in eine kenntliche Beziehung zu setzen. Jede Bewegung ist immer relativ zu einem Bezugssystem (lokal zu global/ Schiff in einem Ozean/ o.ä.). Damit wird die Bewegung zur Regel, der Stillstand zur Ausnahme (im Gegensatz zu Aristoteles, etc.). Die stetige Bewegung erklärt Newton mit der physikalischen Anziehung, die Körper stetig aufeinander ausüben. Somit fällt die Notwendigkeit einer ursprünglich alles anstoßenden Kraft (Gott, o.ä.) weg.

 

à Raumbegriff bei Newton:

         Naturwissenschaftlicher Begriff

         Bewegung wird dynamisch gedacht; Ursache ist die Wirkung von Kräften im Raum

 

 

à Dem entgegen steht der Raumbegriff bei Leibniz, bei dem Raum die Addition von Orten darstellt:

         Mathematische Auffassung von Raum: Raum als Relation zwischen Orten, um Komponenten der Ausdehnung erweitert. Zentral ist die Lagebezeichnung

         Bewegung wird kinematisch gedacht; Ursache ist irrelevant

 

 

Bei Kant wiederum wird der Begriff des relationalen Raums ganz zentral in die Überlegungen zu Raum eingeführt. Dieser Begriff setzt jenen des absoluten Raums voraus. Und diese zwingende Annahme eines absoluten Raums steht wiederum am Beginn und am Ende der Auffassung, dass Raum ganz eindeutige und absolute Komponenten (Länge, Breite, Tiefe, rechts, links, oben, unten, vorne, hinten, etc.) aufweist.

An diesem Punkt jedoch, meint Günzel einen gewissen Schwachpunkt bis Widerspruch in Kants Anti-Leibniz’scher Argumentation ausgemacht zu haben; diese ginge zwar in einer reinen Dreidimensionalität des Raums auf, fährt aber ins Leere, sobald Raum „erweitert wird“[6]. Jedoch, nur ein Jahr nach der Ausformulierung seiner diesbezüglichen Gedanken, wirft Kant (nach wiederholter Lektüre des Briefwechsels zwischen Leibniz und Clarke[7]) eben diese über den Haufen und macht den für die Debatte des Raumbegriffs bis dahin wohl massivsten Schritt: plötzlich ist „der ‚Begriff des Raumes’ […] ‚reine Anschauung’ und Raum daher ‚erster formaler Grund der Sinnenwelt’“[8]. Zu einem Begriff des Raumes kommt man dementsprechend nur durch Reflexion auf Anschauung.

Günzel betont, dass Kant eben nicht (!) – wie fälschlicherweise oft angenommen – meint, dass Raum ein Produkt der individuellen Wahrnehmung ist, sondern dass die Möglichkeit der räumlichen Wahrnehmung angeboren, invariant ist. Nur die Raumvorstellung selbst ist variabel.

Raum hat neben seiner empirischen Realität eine transzendentale Idealität, und ist weder ein unermessliches Behältnis (wie bei Newton), noch verschwindet er, wenn in ihm nichts ist (wie bei Leibniz).

Raum erfasst laut Kant das synchrone Nebeneinander, Zeit das diachrone Nacheinander. Also ist „nur“ die Zeitlichkeit ein „transzendentales Schema“, weil ohne sie keine Veränderung/Bewegung im Raum denkbar wäre[9]. „Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen überhaupt. Der Raum, als die reine Form aller äußeren Anschauung, ist als Bedingung a priori bloß auf Erscheinungen eingeschränkt.“[10] Ideen hingegen, sind einfach Ordnungsprinzipien, die einheitsstiftend sind in Bezug auf Einzelanschauungen; Kant identifiziert drei solcher Ideen: Gott, Seele, Welt. Die Naturwissenschaft könne diese nicht bearbeiten, sehr wohl aber drei andere Wissenschaften: die Theologie, die Psychologie, die Geographie. Der Untersuchungsgegenstand letzterer – Welt – ist die einzige dieser drei Ideen, die sukzessive objektiviert werden könne. Eine derartige wissenschaftliche Beschreibung der Welt unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten ist für Kant immer eine Beschreibung dem Raum nach[11].

 

Direkt in Kants Überlegungen einfließend (oder vice versa), macht bei Herder erst die individuelle Erfahrung (der Endlichkeit) räumliche Beschreibungen möglich und nötig. Sowohl Herder als auch Kant legen Räumlichkeit ein „Ordnungsverhältnis im Sinne relationaler Räumlichkeit“[12] zugrunde. Die drei Kardinalachsen werden zum Kreuzungspunkt einer weltlichen Subjektivität. Dieses Schema erfüllt – nichts mehr und nichts weniger als – den Zweck, der Vernunft als Orientierung (nicht der sinnlichen Anschauung als Einordnung!) zu dienen. Als essentielle Schlussfolgerung bleibt über, dass logisch-mathematischen Einsichten also Raumerfahrung zugrunde liegt.

 

à Kants Raum ist also aufgeteilt in …

         … einen intrinsischen, physiologischen Raum und …

         … einen extrinsischen, lebensweltlichen Orientierungsraum[13].

 

 

Hermann Lotze „verdichtete“ Kants Raum insofern, als dass er Raum nicht als eine Form von Dreidimensionalität, sondern als den (!) Begriff der Dreidimensionalität überhaupt ausmachte. Er argumentierte, dass die Wahrnehmung Inputs anhand eines natürlichen Systems von Indizes/“Lokalzeichen“[14] ihren Ort im Raum zuweist. „Durch (innere) Empfindung des Raumsinns etabliert sich ein den (äußeren) Empfindungen der fünf anderen Sinne vorausliegendes Schema ‚Raum’“[15].

Trotz aller dominierenden Argumentationslinien, gab es aber schon zu dieser Zeit Überlegungen in Richtung eines mehr als nur dreidimensionalen Raums (Erfahrung des gekrümmten Raums, optische Täuschungen, o.ä.).

 

Ein gegenwärtig den Raumdiskurs nach wie vor stark mitbestimmender Theorieansatz ist die Systemtheorie; deren Wurzeln findet man in Teilen der konstruktivistischen Biologie (Theorie autopoietischer Natursysteme), deren Vorreiter oder Wegbereiter zu einem guten Teil Jakob Johann von Uexküll war. Uexküell reduzierte den subjektiven Raum auf wenige Signifikanzen von Rückkoppelungsschleifen von Merk– und Wirkwelt. Der wahrgenommene Raum wird also auf wenige Zeichen herunter gebrochen, und für andere Individuen unzugänglich. Folglich gibt es keinen allgemeinen allumfassenden Raum. Jedem steht eine eigene relative Umwelt zur Verfügung.

 

Die Vorstellung eines anderen, die Debatte über Raum im wahrsten Sinne des Wortes in eine völlig neue Dimension katapultierenden Denkers – Albert Einstein – von Raum  war stark von den Überlegungen seines Lehrers Hermann Minkowski geprägt; „Von Stund an sollen Raum für sich und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken, und nur noch eine Art Union der beiden soll Selbstständigkeit bewahren.“[16]

Es handelt sich also bei Einsteins Raum – auch wenn anders als bei Uexküll – so doch auch um eine Relativität des Raums. Zeit hat einen Raum (= Bewegung); und Raum ist eine Zeit (= hat ein Alter). Das bringt Einstein zur Annahme, dass beide gemeinsam eine Einheit ergeben; die Raumzeit. Im Gegensatz zu Newton, wird bei Einstein die Masse zu einem bloßen Äquivalent der Energie. Es verliert also die Masse ihre Rolle als bestimmendes Moment für Bewegung im Raum. Die Eigenschaften des Feldes, in dem sich der Körper bewegt, bestimmt die Bewegung, nicht die Masse des Körpers. Es gilt die Relativität der Bezugssysteme; was dazu führt, dass es beispielsweise keinen gleichen Zeitpunkt für alle gibt. Dem zur Folge existiert auch kein absoluter Raum, dem gegenüber sich beliebige Subsysteme verorten lassen.

Trotz alledem bleibt Raum der Träger der Realität; an ihm treten die Eigenschaften der Felder auf[17]. Alle physikalischen Größen wie Zeit oder Materie sind Bestimmungsmomente des Raums. Diese Argumentation steht einer möglichen Leere des Raums natürlich entgegen. „Physical objects are not in space, but these objects are spatially extended.“[18] Es gibt laut Einstein keinen feld-leeren Raum. Raum steht in direkter Abhängigkeit zu seiner Materialisierung, jedoch variiert die Metrik, mit der die Distanzen zwischen den Körpern bestimmt werden, je nach Eigenschaften des Feldes. Was wiederum dem Container-Denken widerspricht (welches davon ausgeht, dass Raum sich wie ein Container verhält: sobald Objekte nach einer bestimmten Anordnung untergebracht worden sind, ist er voll, wenn sich keine Objekte im Container befinden, ist er leer). „Raum ist nicht gegeben, sondern wird durch die Interaktion von Raumkörpern oder menschlichen Handlungen bestimmt.“[19]

 

Am Ende seiner sehr kompakten und prägnant formulierten Einleitung ruft Günzel dem Leser ein letztes mal bevor dieser sich an die Lektüre der Klassiker heranwagt ins Gedächtnis, dass die von ihm angedeuteten Raumtheorien vor allem in den heutigen Naturwissenschaften bereits ersetzt worden sein mögen: ihre Wirkung speziell auf Kultur- und Sozialwissenschaften dauert aber nach wie vor an.


[1] Günzel, Stephan; S. 19

[2] Schon bei Aristoteles.

[3] Günzel, Stephan; S. 21

[4] ebd.: S.21

[5] vgl. Günzel, Stephan; S. 22

[6] Wie zum Beispiel bei Wittgenstein.

[7] vgl.: Günzel, Stephan; S. 30

[8] Günzel, Stephan; S. 30

[9] vgl.: Günzel, Stephan; S. 31

[10] Kant, Immanuel; Kritik der reinen Vernunft; zitiert in: Günzel, Stephan; S. 31

[11] vgl. Günzel, Stephan; S. 32

[12] Günzel, Stephan; S. 33

[13] Diese Einsicht kommt speziell im 20. Jahrhundert zur Entfaltung.

[14] vgl.: Günzel, Stephan; S. 35

[15] Günzel, Stephan; S. 37

[16] Minkowski, Hermann; Raum und Zeit (1908); zitiert in: Günzel, Stephan; S. 39

[17] vgl. Günzel, Stephan; S. 40

[18] Einstein, Albert; zitiert in: Günzel, Stephan; S. 40

[19] vgl. Günzel, Stephan; S. 41

 

 

Günzel, Stephan; Einleitung zu Teil I. Physik und Metaphysik des Raums, in: Dünne, Jörg/ Günzel, Stephan (Hrsg.); Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften; Suhrkamp Taschenbuch Verlag; Frankfurt am Main, 2006; S. 19 – 43